AVGS: Gratis-Coaching, das kaum einer kennt
Das Jobcenter finanziert professionelles Karriere-Coaching komplett, von der Bewerbungsvorbereitung bis zur Existenzgründungsberatung. Das Instrument heißt AVGS und steht allen Arbeitslosen, Bürgergeld-Empfängern und von Arbeitslosigkeit Bedrohten offen. Doch die meisten wissen nichts davon. Dieser Leitfaden erklärt, wer berechtigt ist, wie man den Gutschein beantragt und was bei der Vermittlungsfachkraft zu beachten ist.
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صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: Open_Arms_Initiative/Pixabay · Pixabay License
14 Monate lang verschickte eine syrische Ingenieurin in Berlin Bewerbung um Bewerbung. Keine Antwort. Nicht, weil ihre Qualifikation mangelhaft war, sondern weil ihr Lebenslauf nach akademischem Muster aufgebaut war, das auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht funktioniert.
Dann erwähnte ihre Sachbearbeiterin im Jobcenter Berlin-Neukölln beiläufig den AVGS. Sechs Wochen Coaching später hatte sie einen Arbeitsvertrag. Das Coaching kostete sie keinen Cent.
Der AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein) ist eines der am wenigsten bekannten Instrumente der Bundesagentur für Arbeit. Die Rechtsgrundlage bildet § 45 SGB III. Aber weil es sich um eine Ermessensleistung handelt (kein automatischer Rechtsanspruch), erfahren viele Berechtigte nie davon. Man muss danach fragen.
Was der AVGS konkret abdeckt
Der Gutschein finanziert professionelle Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung. Im Klartext: Einzelcoaching zur Entwicklung einer Bewerbungsstrategie, Lebenslauf-Optimierung und Vorstellungsgesprächstraining nach deutschen Standards, Existenzgründungsberatung für Selbstständige, kurzfristige Qualifizierungsmaßnahmen und sogar die Beauftragung einer privaten Arbeitsvermittlung.
Die typische Dauer liegt bei vier bis acht Wochen. Sämtliche Anbieter müssen AZAV-zertifiziert sein. Die Kosten? Null Euro für den Teilnehmer. Die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter zahlt den Maßnahmeträger direkt. Der Marktwert eines sechswöchigen Einzelcoachings liegt zwischen 2.000 und 5.000 Euro.
Wer hat Anspruch?
Die Zielgruppe ist breiter, als die meisten denken. Berechtigt sind arbeitslos Gemeldete und Arbeitssuchende, Personen in der Kündigungsfrist (also noch beschäftigt, aber von Arbeitslosigkeit bedroht), Wiedereinsteiger nach Elternzeit sowie Empfänger von Arbeitslosengeld I oder Bürgergeld.
Der entscheidende Punkt? Es handelt sich um eine Ermessensleistung. Die Vermittlungsfachkraft entscheidet, ob die Maßnahme im konkreten Fall sinnvoll ist. Das bedeutet: Wie man fragt, macht einen erheblichen Unterschied.
So beantragen Sie den AVGS
Der klügste erste Schritt ist nicht der Gang zum Jobcenter. Suchen Sie zuerst einen passenden Maßnahmeträger. Die KURSNET-Datenbank der Bundesagentur für Arbeit listet alle zertifizierten Anbieter. Suchen Sie nach "AVGS" oder "Aktivierung" in Ihrer Region. Viele Träger bieten ein kostenloses Erstgespräch an.
Vereinbaren Sie dann einen Termin mit Ihrer Vermittlungsfachkraft. Ein persönliches Gespräch ist deutlich wirksamer als eine E-Mail. Nennen Sie den konkreten Anbieter und die gewünschte Maßnahme. Aber wichtig: Erklären Sie nicht nur, was Sie wollen, sondern warum genau dieses Coaching Ihre Jobchancen verbessert. Die Fachkraft muss die Entscheidung in Ihrer Akte begründen. Je klarer der Bezug zu einem Beschäftigungsziel, desto höher die Genehmigungswahrscheinlichkeit.
Nach der Genehmigung erhalten Sie einen Bewilligungsbescheid mit Angaben zu Maßnahmeziel, Dauer und Geltungsregion. Dieses Schreiben legen Sie beim Träger vor, und das Coaching beginnt.
Was tun bei Ablehnung?
Eine Ablehnung ist kein Endurteil. Innerhalb eines Monats nach dem Bescheid können Sie schriftlich Widerspruch einlegen. Erläutern Sie darin, warum die Maßnahme für Ihre berufliche Wiedereingliederung notwendig ist.
Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit nahmen 2024 bundesweit über 300.000 Menschen an Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung teil. Die Infrastruktur ist vorhanden. Die Frage ist nur, ob man den Gutschein beantragt.
Die häufigsten Fehler
Fehler Nummer eins: ohne Vorbereitung zum Termin erscheinen. Wer nicht benennen kann, welchen Anbieter und welche Maßnahme er möchte, geht oft mit leeren Händen. Der zweite Fehler betrifft die Zertifizierung. Nur AZAV-zertifizierte Träger werden akzeptiert. Und der dritte: unentschuldigtes Fehlen nach Maßnahmebeginn. Das kann zum Abbruch führen und Konsequenzen für laufende Leistungen haben.
Ein letzter Hinweis: Seit der Pandemie sind Online-Coachings zunehmend anerkannt. Wer in einer ländlichen Region lebt oder Flexibilität braucht, sollte beim Träger nach digitalen Formaten fragen. Viele zertifizierte Programme laufen inzwischen vollständig remote.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Bundesagentur für Arbeit - Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS)
- SGB III § 45 - Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung
- Statistik der Bundesagentur für Arbeit - Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen
- KURSNET - Aus- und Weiterbildungssuche der Bundesagentur für Arbeit
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