Berliner Bauer verschenkt 4.000 Tonnen Kartoffeln - "Der Supermarkt zahlt 10 Cent, die Leute hungern"
Ein deutscher Landwirt verschenkt seine gesamte Ernte kostenlos an Berliner, statt sie zu Spottpreisen an Supermarktketten zu verkaufen. Die Geschichte enthüllt eine tiefe Krise im deutschen Lebensmittelsystem - und eine goldene Chance für arabische Familien.
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صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: Hush Naidoo Jade/Unsplash
Die Lastwagen begannen um sieben Uhr morgens in Tempelhof anzukommen. Reihen von Berlinern warteten in der Kälte. Keine Brotschlangen, keine Notfallhilfe - sondern 4.000 Tonnen frische Kartoffeln, die ein deutscher Bauer kostenlos verteilt, weil er sich weigerte, sie wegzuwerfen.
Karl-Heinz Schultz, Landwirt aus Brandenburg, traf letzte Woche eine schockierende Entscheidung: Statt seine Ernte für 10 Cent pro Kilo an Supermarktketten zu verkaufen (die sie später für 1,89 Euro weiterverkaufen), wird er sie direkt an Berliner verteilen. Kostenlos.
"Ich baue seit 40 Jahren Kartoffeln an", sagte Schultz gegenüber Deutsche Welle. "Die Preise, die sie uns jetzt zahlen, liegen unter den Produktionskosten. Ich verliere jede Saison 15.000 Euro. Also habe ich beschlossen: Wenn ich schon Verlust mache, sollen die Kartoffeln zu denen gehen, die sie brauchen."
Die wahre Krise: Warum Bauern verlieren, während wir mehr zahlen
Die Zahlen sind schockierend.
Laut Statistischem Bundesamt sanken die Erzeugerpreise in der Landwirtschaft 2025 um 23% im Vergleich zu 2023 - während die Verbraucherpreise für Gemüse im gleichen Zeitraum um 12% stiegen. Das Geld geht an Zwischenhändler, nicht an Bauern oder Verbraucher.
Schultz ist nicht allein. Von 266.000 Betrieben in Deutschland im Jahr 2010 blieben 2024 nur noch 183.000. Jedes Jahr schließen 2.500 Familienbetriebe endgültig.
Aber - und das ist der Teil, der nicht gesagt wird - während deutsche Höfe untergehen, erzielten Großketten wie Edeka und Rewe 2024 Rekordgewinne.
Wie können Sie die kostenlosen Kartoffeln bekommen?
Die Verteilung erfolgt in Phasen:
- Phase 1 (10.-12. Januar): Tempelhofer Feld, 9-18 Uhr
- Phase 2 (15.-17. Januar): Marzahn-Hellersdorf (genauer Standort wird auf der Website der Berliner Zeitung bekannt gegeben)
- Phase 3 (20.-22. Januar): Neukölln - Karl-Marx-Straße
Jede Familie kann bis zu 25 Kilogramm mitnehmen. Es wird empfohlen, große Stofftaschen oder einen Einkaufswagen mitzubringen.
Warum das für die arabische Community wichtig ist
Fatima, eine syrische Mutter von vier Kindern in Wedding, erfuhr von der Verteilung durch ihre Nachbarin. "Ich bin Donnerstagmorgen hingefahren und habe 20 Kilo bekommen", erzählt sie. "Die Kartoffeln sind frisch - viel besser als bei Lidl. Ich habe diese Woche etwa 35 Euro gespart."
Für Familien, die auf Bürgergeld angewiesen sind (563 Euro pro erwachsene Person monatlich), sind 35 Euro kein kleiner Betrag. Das entspricht einem monatlichen Internetabo oder Schulkleidung für ein Kind.
Laut einer aktuellen Destatis-Studie leiden 18,7% der Haushalte mit Migrationshintergrund in Berlin unter "Ernährungsunsicherheit" - das heißt, sie müssen manchmal Mahlzeiten auslassen oder Lebensmittel minderer Qualität kaufen, weil das Geld knapp ist.
Deshalb organisieren arabische Vereine in Neukölln und Wedding "Gemeinschaftsfahrten" zu den Verteilungsstellen, um Familien ohne Auto zu helfen.
Die größere Lektion: Ein kaputtes Lebensmittelsystem
Was Schultz tut, ist nicht nur Wohltätigkeit. Es ist politischer Protest.
In Deutschland - dem Land, das stolz auf Effizienz und Organisation ist - ist das Lebensmittelsystem erschreckend widersprüchlich: Bauern gehen bankrott, Lebensmittel werden tonnenweise weggeworfen, und Familien kämpfen darum, frisches Gemüse zu kaufen.
Wir fragten Ahmed, einen irakischen Ingenieur, der seit 8 Jahren in Charlottenburg lebt, nach seiner Meinung. "Im Irak, wenn du überschüssige Ernte hast, gibst du sie den Nachbarn. Hier wirft der Bauer sie lieber weg, als sie billig zu verkaufen? Das bedeutet, dass das System grundlegend kaputt ist."
Und er hat recht. Das Problem liegt nicht bei Schultz - es liegt in einer Lieferkette, die es Rewe erlaubt, 3,2 Milliarden Euro Gewinn zu erzielen, während der Bauer, der das Essen produziert, mit Verlust arbeitet.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Schultz' Geschichte hat sich schnell verbreitet. Inzwischen haben 17 weitere Bauern in Brandenburg und Sachsen angekündigt, dasselbe mit ihren kommenden Ernten zu tun - Karotten, Zwiebeln und Kohl.
Die Berliner Regierung reagierte mit einer vorsichtigen Erklärung. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagte, dass "private Spenden geschätzt werden, aber die strukturelle Krise nicht lösen". Aber sie schlug keine alternativen Lösungen vor.
In der Zwischenzeit tun arabische Familien in Berlin, was sie immer getan haben: sich anpassen, Informationen teilen und verfügbare Chancen nutzen.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- DW Arabic - Bauer verteilt 4.000 Tonnen Kartoffeln kostenlos
- Statistisches Bundesamt - Landwirtschaft
- Destatis - Lebensbedingungen und Armutsgefährdung
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