Ihre Rechte kennen: Wie Sie sich in deutschen Bewerbungsgesprächen vor Diskriminierung schützen
Ablehnung wegen Kopftuch, Akzent oder arabischem Namen ist kein 'ungutes Bauchgefühl' - es ist eine klare Rechtsverletzung. Ihr Leitfaden zur Dokumentation von Diskriminierung und zur Durchsetzung Ihrer Rechte auf dem deutschen Arbeitsmarkt.
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Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.
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Als die Personalleiterin zu ihr sagte: 'Wir brauchen jemanden, der zu unserer Unternehmenskultur passt', wusste Layla, dass ihr Vorstellungsgespräch vorbei war. Was sie damals nicht wusste: Dieser harmlos klingende Satz verstößt gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Und sie hätte Anspruch auf Entschädigung gehabt.
In einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2024 berichteten 34% der Bewerber mit Migrationshintergrund von Diskriminierung im Bewerbungsprozess. Aber 89% unternahmen keine rechtlichen Schritte - oft, weil sie ihre Rechte nicht kennen.
Was gilt rechtlich als Diskriminierung?
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist eindeutig: Bewerber dürfen nicht aufgrund ethnischer Herkunft, Religion, Geschlecht oder Alter abgelehnt werden. Aber Diskriminierung ist selten offensichtlich.
Häufige Formen versteckter Diskriminierung, mit denen Araber konfrontiert sind:
- Kommentare zu Kopftuch oder Bart: 'Wären Sie bereit, Ihr Kopftuch für wichtige Kunden abzunehmen?'
- Anzweifeln der Sprachkompetenz: 'Unsere Kunden bevorzugen akzentfreies Deutsch' (selbst für Jobs ohne Kundenkontakt)
- Fragen zu Heirats-/Schwangerschaftsplänen: unverhältnismäßig oft an arabische Frauen gerichtet
- 'Cultural Fit' als Code: vage Formulierungen, die rassistische Vorurteile verschleiern
'Diese Fragen sind nicht nur unprofessionell - sie sind ausdrücklich verboten', sagt Rachael Busch, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Berlin. 'Aber die meisten Betroffenen denken, sie müssten dieses Verhalten akzeptieren, um ihre Chancen zu erhöhen.'
Wie Sie Diskriminierung dokumentieren - praktische Schritte
Dokumentation ist Ihre stärkste Waffe. Das sollten Sie unmittelbar nach einem Gespräch tun, das Ihnen diskriminierend vorkam:
- Schreiben Sie alles auf: Datum, Uhrzeit, wer Sie interviewte, was genau gesagt wurde. Seien Sie spezifisch - 'Sie fragte, ob ich zusätzliche Gebetspausen brauche' ist besser als 'Ich fühlte mich beleidigt'.
- Bewahren Sie alle Korrespondenz auf: E-Mails, Stellenanzeigen, Textnachrichten. Screenshotten Sie alles.
- Fordern Sie eine schriftliche Absage an: 'Vielen Dank für das Gespräch. Können Sie mir die Ablehnung schriftlich mit Begründung zusenden?' - das ist Ihr Recht nach deutschem Recht.
- Suchen Sie nach Zeugen: Bei Gruppeninterviews kontaktieren Sie andere Kandidaten.
Ihre Rechte und kritische Fristen
Hier wird es ernst. Sie haben nur zwei Monate ab Absage, um rechtliche Schritte einzuleiten - eine strikte Frist, die nicht verlängert wird.
Nach § 15 AGG können Sie:
- Schadensersatz für materielle Schäden verlangen
- Entschädigung für immaterielle Schäden fordern - typischerweise 1-3 Monatsgehälter
- Das Unternehmen zwingen, Informationen zum Einstellungsprozess offenzulegen
In einem typischen Fall von 2023 erhielt eine syrische Ingenieurin 8.400 Euro, nachdem ein Personalverantwortlicher sie gefragt hatte: 'Wie werden Sie mit männlichen Kollegen umgehen, angesichts Ihres kulturellen Hintergrunds?' - eine Frage ohne Bezug zur Stelle und mit klarem Vorurteil.
Wo Sie kostenlos Hilfe bekommen
Sie brauchen keinen teuren Anwalt, um den Prozess zu starten:
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes: kostenlose Beratung und Musterbriefe auf www.antidiskriminierungsstelle.de
- Gewerkschaften: bieten Mitgliedern Rechtsschutz - Mitgliedschaft kostet ca. 1% des Gehalts
- Rechtsberatung in Berlin: Vergünstigte Rechtsberatung im Roten Rathaus und Tempelhof
- BANA Berlin: Spezialisiertes Beratungsprojekt für Geflüchtete und Migranten in Wedding
'Viele befürchten, eine Beschwerde ruiniert ihren Ruf in der Branche', erklärt Karim Hassan, Berater bei BANA. 'Aber Beschwerden werden vertraulich behandelt, und Ihr Name erscheint nicht in öffentlichen Aufzeichnungen. Im Gegenteil - Unternehmen werden gezwungen, ihre Praktiken zu verbessern.'
Wann lohnt sich die rechtliche Verfolgung?
Nicht jede Jobabsage rechtfertigt einen Rechtsstreit. Aber bestimmte Warnsignale erfordern Handeln:
- Explizite Kommentare zu Ihrer Religion, Ihrem Aussehen oder Ihrer Herkunft
- Unzulässige Fragen (Ehe, Schwangerschaft, religiöse Praktiken)
- Ihre Qualifikationen übertreffen die Anforderungen, aber Sie wurden aus vagen Gründen abgelehnt
- Ein Muster wiederholter Absagen bei verschiedenen Unternehmen - könnte auf systematische Diskriminierung hinweisen
Denken Sie daran: Eine Beschwerde bedeutet nicht zwangsläufig Gerichtsverfahren. In den meisten Fällen reicht ein Anwaltsschreiben für eine außergerichtliche Einigung. Unternehmen hassen negative Publicity und bevorzugen schnelle Vergleiche.
Vorbeugen ist besser als heilen
Einige Tipps für präventiven Schutz:
- Kennen Sie Ihre Rechte vor dem Gespräch: Lesen Sie über das AGG - Wissen gibt Selbstbewusstsein
- Beantworten Sie unzulässige Fragen nicht: Sie können höflich sagen: 'Ich glaube, diese Frage bezieht sich nicht auf die Stelle. Können wir uns auf meine Qualifikationen konzentrieren?'
- Recherchieren Sie Unternehmen: Kununu.de und Glassdoor enthüllen Diskriminierungsmuster in Firmen
- Testen Sie Namens-Bias: Schicken Sie denselben Lebenslauf mit einem deutschen Namen - unterschiedliche Behandlung ist starker Beweis
Der deutsche Arbeitsmarkt braucht Ihre Fähigkeiten - und Sie haben einen rechtlichen Anspruch auf eine faire Chance. Diskriminierung ist nicht 'Teil des Spiels'. Sie ist ein Gesetzesverstoß, und es gibt Mechanismen, Verstöße zu ahnden.
Letzter Rat von Anwältin Busch: 'Selbst wenn Sie Ihre Beschwerde nicht weiterverfolgen, dokumentieren Sie alles. Passiert es Ihnen zwei- oder dreimal, haben Sie einen viel stärkeren Fall - und ein Diskriminierungsmuster führt zu höheren Entschädigungen.'
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes - Arbeitsrecht und Bewerbung
- Make it in Germany - Rechtliche Grundlagen für Fachkräfte
- IHK Berlin - Beratung für ausländische Fachkräfte
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