Steuererklärung: So holen Sie Geld zurück
Die Steuererklärungssaison in Deutschland läuft von März bis Juli — und viele Zugewanderte wissen nicht, dass ihnen Hunderte oder Tausende Euro zustehen. Dieser praktische Leitfaden erklärt alle Schritte: von ELSTER bis zu den wichtigsten Abzügen für Migranten.
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Reclus / Wikimedia Commons (CC BY-SA (Wikimedia Commons)) · CC BY-SA (Wikimedia Commons)
Samer, syrischer Ingenieur in Berlin, hat drei Jahre lang keine Steuererklärung abgegeben. Er dachte, die monatlichen Abzüge seien das Ende der Geschichte. Dann erzählte ihm ein Kollege, dass er jährlich zwischen 800 und 1.200 Euro zurückbekommt. Was Samer nicht wusste: Ihm stand sogar noch mehr zu.
Diese Geschichte wiederholt sich in der arabischen Community tausendfach. Laut Statistischem Bundesamt erhalten Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich rund 1.095 Euro pro Jahr zurück, wenn sie eine Steuererklärung einreichen. Trotzdem verzichten viele Zugewanderte (besonders Neuzugewanderte) darauf — weil sie entweder nichts von ihrem Anspruch wissen oder das System zu kompliziert erscheint.
Die gute Nachricht: So kompliziert ist es gar nicht. Und die Abgabefrist läuft noch bis Ende Juli 2026.
Erster Schritt: die eigene Steuerklasse verstehen
Bevor es losgeht, sollten Sie Ihre Steuerklasse kennen. Sie bestimmt, wie viel Lohnsteuer monatlich von Ihrem Gehalt einbehalten wird. Steuerklasse I gilt für Ledige, III und V für Verheiratete — und genau hier verlieren arabische Ehepaare häufig Geld, weil sie die ungünstigere Kombination wählen. Wie der Lohnsteuerhilfeverein erklärte, kann allein ein Steuerklassenwechsel bei Ehepaaren mehrere Hundert Euro pro Jahr ausmachen.
Aber muss man überhaupt eine Steuererklärung abgeben? Das kommt auf die Situation an. Wer nur ein Einkommen in Steuerklasse I hat, ist nicht verpflichtet — es lohnt sich aber fast immer. Wer hingegen in der Kombination III/V verheiratet ist oder Nebeneinkünfte hat, muss abgeben. Pflicht.
ELSTER: das digitale Finanzamt
ELSTER ist das offizielle Online-Portal für die Steuererklärung. Die Registrierung dauert etwa zwei Wochen, weil der Aktivierungscode per Post kommt — wer sich noch nicht registriert hat, sollte also schnell handeln. Das Portal selbst ist nur auf Deutsch verfügbar, was für viele Zugewanderte die größte Hürde darstellt.
Und hier kommen die Alternativen ins Spiel. Apps wie Wundertax und Taxfix bieten deutlich einfachere Oberflächen, teils auf Englisch, und führen Schritt für Schritt durch den Prozess. Die Kosten liegen zwischen 30 und 40 Euro — ein kleiner Betrag im Vergleich zur möglichen Erstattung.
Abzüge, die Migranten oft übersehen
Jetzt wird es richtig interessant. Viele Ausgaben, die Zugewanderte ganz selbstverständlich haben, sind steuerlich absetzbar — nur wissen die wenigsten davon. Deutschkurse (einschließlich Integrationskurse) lassen sich als Fortbildungskosten geltend machen, wenn sie beruflich relevant sind. Die Bundesagentur für Arbeit betonte, dass auch Kosten der Jobsuche — vom Lebenslaufdruck bis zu Fahrtkosten für Vorstellungsgespräche — als Werbungskosten gelten.
Umzugskosten sind ebenfalls absetzbar, sofern der Umzug beruflich bedingt war. Noch wichtiger — die doppelte Haushaltsführung. Wer in einer Stadt arbeitet, während die Familie in einer anderen lebt, kann die Miete der Zweitwohnung bis zu 1.000 Euro monatlich absetzen, plus eine wöchentliche Heimfahrt.
Nicht zu vergessen: die Pendlerpauschale. 30 Cent pro Kilometer für die ersten 20 Kilometer Arbeitsweg, danach 38 Cent. Das gilt übrigens auch für Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel.
Kein gutes Deutsch? Es gibt Hilfe
Wer sich sprachlich unsicher fühlt, für den ist der Lohnsteuerhilfeverein die beste Option. Der Jahresbeitrag liegt je nach Einkommen zwischen 50 und 150 Euro, und dafür übernimmt ein Berater die gesamte Steuererklärung. Allein in Berlin gibt es über 200 Beratungsstellen verschiedener Vereine. Einige Stellen in Neukölln und anderen Bezirken mit hohem arabischem Bevölkerungsanteil haben Berater, die Arabisch oder Türkisch sprechen — einfach nachfragen.
Die teurere Alternative ist ein privater Steuerberater (ab circa 300 Euro). Das lohnt sich vor allem für Selbstständige oder bei komplizierten steuerlichen Verhältnissen.
Häufige Fehler — und wie man sie vermeidet
Deutsche Finanzberichte weisen auf mehrere typische Fehler hin, die Neuzugewanderten unterlaufen. Erstens: Belege nicht aufbewahren. Das Finanzamt kann Nachweise verlangen — ohne Quittungen gehen Ansprüche verloren. Zweitens: Fristen verpassen. Die Abgabefrist für die Selbsteinreichung ist der 31. Juli 2026; über einen Steuerberater verlängert sie sich bis Februar 2027.
Der teuerste Fehler? Gar keine Steuererklärung abzugeben. Steuerexperten wiesen darauf hin, dass man rückwirkend für die vergangenen vier Jahre (bis 2022) einreichen kann. Wer also seit seiner Ankunft in Deutschland keine Steuererklärung gemacht hat, dem stehen möglicherweise Tausende Euro zu.
Und Samer, mit dem wir angefangen haben? Er reichte letztes Jahr zum ersten Mal seine Erklärung ein — mit Hilfe eines Lohnsteuerhilfevereins in Neukölln. Rückerstattung: 1.340 Euro. Dieses Jahr sammelt er seine Belege schon seit Januar.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Statistisches Bundesamt — Steuerstatistiken Deutschland
- ELSTER — Offizielles Portal für die Steuererklärung
- Lohnsteuerhilfeverein — Lohnsteuerberatungs-Union e.V.
- Bundesagentur für Arbeit — Informationen für Menschen aus dem Ausland
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