Videospiele: Wann werden sie zur Gefahr?
Zehn Stunden pro Woche. Das ist die Grenze, ab der Videospiele von Unterhaltung zur echten Bedrohung für die Gesundheit Jugendlicher werden. Eine neue deutsche Studie zeigt den Zusammenhang zwischen Spielzeit, Übergewicht und Schlafstörungen – und was Eltern tun können.
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صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: Christian Lue/Unsplash
Es war fast zwei Uhr nachts, als Samira ihren Sohn aus seinem Zimmer schreien hörte. Es war kein Albtraum. Er spielte Fortnite mit seinen Online-Freunden und hatte gerade ein wichtiges Match verloren. Sein Alter? Nur 13 Jahre.
"Ich habe versucht zu verstehen, was ihn anzieht", sagt Samira, Mutter von drei Kindern, die im Berliner Stadtteil Wedding lebt. "Aber ich sehe eine Veränderung in seiner Persönlichkeit. Er ist gereizt, schläft schlecht, und seine Schulnoten sind gesunken."
Samira ist mit dieser Sorge nicht allein.
Was die Zahlen sagen
Eine aktuelle Studie der Krankenkasse DAK ergab, dass 15,4% der deutschen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren Anzeichen einer "problematischen Nutzung" von Videospielen zeigen. Das sind mehr als 600.000 Teenager. Die Zahlen sind seit der Corona-Pandemie deutlich gestiegen und haben sich nicht wieder normalisiert.
Aber wann wird das Spielen vom Hobby zum Problem?
Laut der Weltgesundheitsorganisation wird "Gaming Disorder" diagnostiziert, wenn jemand die Kontrolle über die Spielzeit verliert, dem Spielen Vorrang vor anderen Lebensaktivitäten einräumt und trotz negativer Konsequenzen mindestens 12 Monate lang weiterspielt.
Zehn Stunden – die rote Linie
Die deutsche Studie – mit über 1.200 Teilnehmern – fand einen klaren Zusammenhang zwischen Spielzeit und Gesundheitsproblemen. Jugendliche, die mehr als 10 Stunden pro Woche spielen, hatten ein doppelt so hohes Risiko für Übergewicht wie ihre Altersgenossen.
Die Gründe? Bewegungsmangel natürlich, aber auch schlechte Essgewohnheiten während des Spielens (Snacks und Softdrinks) und Schlafmangel. 68% der exzessiven Spieler schlafen weniger als 7 Stunden täglich – weit unter den 9 Stunden, die Teenager benötigen.
Die besondere Herausforderung für arabische Familien
In vielen arabischen Familien in Deutschland gelten Videospiele als "das kleinere Übel". Das Kind ist zu Hause, nicht auf der Straße, nicht negativen Einflüssen von schlechten Freunden ausgesetzt. So denken viele Eltern.
"Diese Denkweise verstehe ich vollkommen", sagt Dr. Khaled, ein Psychologe, der mit Migrantenfamilien in Berlin arbeitet (Pseudonym auf seinen Wunsch). "Die Eltern wollen ihre Kinder schützen. Aber die Gefahr liegt jetzt nicht nur auf der Straße – sondern auch auf dem Bildschirm."
Er fügt hinzu: "Was ich in meiner Praxis sehe, sind Kinder, die 6-8 Stunden täglich vor Bildschirmen verbringen. Das ist keine Unterhaltung – das ist Flucht aus der Realität. Und oft ist die Realität schwer: Probleme in der Schule, Sprachschwierigkeiten, das Gefühl, nicht dazuzugehören."
Was kann man tun?
Experten raten nicht dazu, Spiele komplett zu verbieten – das könnte nach hinten losgehen. Stattdessen schlagen sie Folgendes vor:
Erstens: Klare Zeitregeln aufstellen. Maximal zwei Stunden täglich an Schultagen, vielleicht drei Stunden am Wochenende. Und das Wichtigste: Diese Regeln konsequent durchsetzen.
Zweitens: Geräte in gemeinsamen Räumen aufstellen, nicht im Schlafzimmer. Das reduziert nächtliches Spielen und ermöglicht die Überwachung der Inhalte.
Drittens: Echte Alternativen anbieten. Sportvereine, kulturelle Aktivitäten, Familientreffen. Kinder greifen oft zum Bildschirm, weil sie keine bessere Alternative sehen.
Und viertens – das Schwierigste – der Dialog. Kein Schreien, keine Drohungen, sondern verstehen, was das Kind an dieser virtuellen Welt anzieht. Vielleicht findet es dort Freunde, die es in der Schule nicht hat. Vielleicht erlebt es Erfolge, die ihm in der Realität fehlen.
Wann sollte man Hilfe suchen?
Wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind über die Spielzeit lügt, aggressiv wird beim Versuch, es zu stoppen, die persönliche Hygiene und Schulaufgaben vernachlässigt oder das Spielen dem Treffen mit echten Freunden vorzieht – dann sind das Anzeichen, die eine professionelle Beratung erfordern.
Dienste wie Ins-Netz-Gehen (eine Initiative der BZgA) bieten Informationen und Beratung für Eltern und Jugendliche. Viele Erziehungsberatungsstellen bieten zudem kostenlose Beratungen an.
Samira entschied sich schließlich, mit ihrem Sohn zu sprechen. "Ich sagte ihm: Ich verstehe deine Welt nicht, aber ich möchte sie verstehen. Zeig es mir." Er reagierte überrascht, dann spielten sie eine Stunde zusammen. "Ich verstehe immer noch nicht, warum er diese Spiele liebt", sagt sie lachend, "aber zumindest redet er jetzt mit mir darüber."
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- DAK-Gesundheit - Studie zur Computerspielsucht bei Jugendlichen
- WHO - Definition von Gaming Disorder
- Ins-Netz-Gehen - BZgA-Initiative für sichere Internetnutzung
- DW - Bericht über Videospiele und Gesundheit Jugendlicher
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