"Vom Arzt zum Azubi mit 38" - Ihr kompletter Guide zur Ausbildung und Karriere-Neustart in Deutschland
Ihr Uni-Abschluss wird nicht anerkannt, oder Sie wollen die Branche wechseln - Tausende Araber wählen den Ausbildungsweg für einen Karriere-Neustart in Deutschland. Kompletter Guide zu Ausbildung als Erwachsener, Finanzierung, Rechten und echten Geschichten von Professionals, die ihr Leben neu aufbauten.
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.
Photo by Green Chameleon on Unsplash
Rami saß in der ersten Reihe, sein Notizbuch aufgeschlagen. Um ihn herum: acht 17-Jährige. Rami war 38.
In Syrien war er Arzt gewesen. In Deutschland war er Azubi - Auszubildender - in der Altenpflege.
"Der Lehrer bat mich am ersten Tag, mich vorzustellen", erinnert er sich. "Ich sagte: 'Ich heiße Rami, ich war Arzt, jetzt lerne ich Windeln zu wechseln.' Alle schwiegen. Sie wussten nicht, ob sie lachen sollten."
Aber Rami scherzte nicht. Er baute sein Leben neu auf - von Grund auf.
Was ist Ausbildung genau?
Ausbildung ist das duale Berufsausbildungssystem Deutschlands - das Herzstück der deutschen Wirtschaft. Sie lernen in der Schule und arbeiten gleichzeitig in einem Unternehmen.
Dauer: normalerweise 2-3,5 Jahre
Struktur: 3-4 Tage Arbeit im Betrieb + 1-2 Tage Berufsschule
Gehalt: Ja, Sie bekommen vom ersten Tag an Gehalt (400-1.400 Euro/Monat je nach Bereich)
Laut Statistischem Bundesamt schlossen 2025 insgesamt 467.500 Personen eine Ausbildung in Deutschland ab - ein Anstieg von 12% gegenüber 2020. Das Erstaunliche? 23% davon waren über 25 Jahre alt. Viele mit Migrationshintergrund.
Warum wählen arabische Professionals eine Ausbildung?
Drei Hauptgründe:
1. Ausländische Abschlüsse nicht anerkannt
Nadia war 9 Jahre Architektin im Irak. In Deutschland wurde ihr Abschluss nicht anerkannt.
"Sie sagten mir: Gehen Sie 3 Jahre zur Uni, oder machen Sie eine 2-jährige Ausbildung zur Technischen Zeichnerin", erklärt sie. "Ich wählte die Ausbildung. Ich war 34 mit zwei Kindern. Ich konnte nicht 3 Jahre ohne Einkommen in Vorlesungen sitzen."
Laut Anerkennung in Deutschland werden nur 58% der ausländischen Abschlüsse in Deutschland vollständig anerkannt. Der Rest? Teilanerkennung oder keine - was die Ausbildung zum schnellsten Weg in einen geregelten Beruf macht.
2. Kompletter Branchenwechsel
Ahmed arbeitete in der Buchhaltung im Libanon. Er hasste es. In Deutschland begann er eine Ausbildung zum Industriemechaniker.
"Ich wollte schon immer mit meinen Händen arbeiten", sagt er. "Im Libanon zwang mich meine Familie, Buchhaltung zu studieren - ein 'respektabler' Beruf. In Deutschland kümmert das niemanden. Ein guter Mechaniker verdient genauso viel wie ein guter Buchhalter - manchmal mehr."
3. Echte Arbeitsplatzsicherheit
Laut Bundesagentur für Arbeit liegt die Beschäftigungsquote nach Ausbildung bei 87% - deutlich höher als bei Uni-Absolventen in manchen Bereichen. Viele Unternehmen übernehmen ihre Azubis direkt.
Layla beendete 2024 ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau. Sie bekam zwei Wochen vor Abschluss ein festes Jobangebot mit 2.800 Euro/Monat.
"In Syrien arbeitete ich 5 Jahre in einem Hotel ohne Vertrag. Hier habe ich einen Tarifvertrag, 28 Tage Urlaub, Krankenversicherung - alles offiziell", sagt sie stolz.
Schritt-für-Schritt-Guide: Wie Sie eine Ausbildung bekommen
Schritt 1: Beruf wählen
Deutschland hat über 320 anerkannte Ausbildungsberufe. Beliebte Bereiche für Araber:
- Gesundheitswesen: Altenpfleger, Krankenpfleger, Zahntechniker
- Technik: Fachinformatiker, Elektroniker, KFZ-Mechatroniker
- Wirtschaft: Kaufmann/-frau, Bankkaufmann/-frau
- Handwerk: Maler, Tischler, Koch
Nutzen Sie Arbeitsagentur's Berufenet, um Berufe im Detail zu erkunden.
Schritt 2: Sprachanforderungen prüfen
Minimum: B1 Deutsch für die meisten Berufe
Empfohlen: B2 für kommunikationsintensive Berufe (Pflege, Einzelhandel, Hotel)
Realität: Je besser Ihr Deutsch, desto höher Ihre Chancen. Verbessern Sie es vor der Bewerbung.
Schritt 3: Ausbildungsplatz suchen
Beste Plattformen zum Suchen:
- Arbeitsagentur Jobbörse
- Ausbildung.de
- Azubiyo.de
- Direkt auf Unternehmenswebsites (Siemens, Deutsche Bahn, Edeka, etc.)
Tipp: Bewerben Sie sich bei 15-20 Unternehmen. Die Konkurrenz ist hart, besonders wenn Sie älter sind.
Schritt 4: Bewerbung schreiben
Erforderliche Unterlagen:
- Anschreiben - eine Seite
- Lebenslauf - mit professionellem Foto
- Zeugnisse (übersetzt und beglaubigt)
- Deutschzertifikat
- Arbeitszeugnisse (falls vorhanden)
Tipp von Rami: "Im Anschreiben erklären Sie, warum Sie diesen Bereich wollen - nicht warum Sie einen Job brauchen. Deutsche wollen Motivation sehen, keine Verzweiflung."
Schritt 5: Vorstellungsgespräch bestehen
Häufige Fragen für ältere Azubis:
- "Warum wollen Sie in Ihrem Alter eine Ausbildung?"
- "Wie gehen Sie damit um, mit jüngeren Kollegen zu arbeiten?"
- "Was sind Ihre langfristigen Pläne?"
Seien Sie ehrlich, bescheiden und enthusiastisch. Zeigen Sie, dass Sie bereit sind zu lernen - auch wenn Sie 15 Jahre Erfahrung in einem anderen Land haben.
Das Geld: Kann man von Ausbildungsgehalt leben?
Die große Frage. Ausbildungsgehälter sind niedrig - wir belügen Sie nicht.
Durchschnittliches Gehalt nach Jahr (2026):
- 1. Jahr: 600-900 Euro/Monat
- 2. Jahr: 700-1.050 Euro/Monat
- 3. Jahr: 800-1.200 Euro/Monat
Aber es gibt finanzielle Unterstützung:
1. Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)
Staatliche Unterstützung bis zu 723 Euro/Monat, wenn Ausbildungsgehalt zu niedrig. Beantragen über Arbeitsagentur.
2. Wohngeld
Wenn Sie keinen BAB-Anspruch haben, möglicherweise Wohngeld (50-300 Euro/Monat je nach Einkommen und Miete).
3. Kindergeld
Mit Kindern: 250 Euro/Monat pro Kind (läuft während Ausbildung weiter).
4. Nebenjob (Minijob)
Sie dürfen bis 450 Euro/Monat nebenbei verdienen - ohne Leistungen zu verlieren.
Echtes Beispiel: Nadia (Ausbildung Technische Zeichnerin)
- Ausbildungsgehalt (2. Jahr): 920 Euro
- BAB: 380 Euro
- Kindergeld (2 Kinder): 500 Euro
- Minijob (Wochenende): 350 Euro
- Gesamt: 2.150 Euro/Monat
"Nicht luxuriös, aber lebbar", sagt sie. "Ich zahle 780 Euro Miete, 200 Euro Essen, der Rest für Transport und Kleidung. Es ist eng - aber temporär."
Ihre Rechte als Azubi
Als Auszubildender haben Sie dieselben Rechte wie jeder Arbeitnehmer:
- Arbeitszeit: maximal 40 Stunden/Woche (inklusive Schule)
- Urlaub: mindestens 24-30 Tage/Jahr (je nach Alter)
- Krankheit: volle Bezahlung bis zu 6 Wochen bei Krankheit
- Kündigungsschutz: nach Probezeit (1-4 Monate) sehr schwer kündbar
- Versicherungen: Kranken-, Renten-, Arbeitslosen-, Pflegeversicherung - alles bezahlt
Wichtig: Wenn das Unternehmen Sie schlecht behandelt, kontaktieren Sie Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) oder Ihre Gewerkschaft.
Die echten Herausforderungen: Was Ihnen niemand sagt
1. Alter und Stolz
Der härteste Teil? Nicht die Schule. Es ist das Ego.
"Ich war Manager in Syrien", sagt Khalid (IT-Ausbildung). "In der Ausbildung ist mein Chef 24 Jahre alt. Er sagt mir, was ich tun soll. Am Anfang war das... demütigend. Aber ich lernte: Ego zahlt keine Miete. Fähigkeiten schon."
2. Deutsch in der Berufsschule
Selbst mit B2 werden Sie kämpfen. Fachbegriffe, Handelsrecht, Mathematik auf Deutsch - das ist ein anderes Level.
Tipp von Layla: "Nehmen Sie Vorlesungen auf (fragen Sie zuerst um Erlaubnis). Hören Sie sie zu Hause. Nutzen Sie Google Translate. Bitten Sie Klassenkameraden um Hilfe. Geben Sie im ersten Jahr nicht auf - es wird einfacher."
3. Familien-Arbeit-Balance
Mit Kindern ist Ausbildung hart. Lange Stunden, Hausaufgaben, Prüfungen.
Rami: "Meine Frau trug die ganze Last in meinem ersten Jahr. Kinder, Haushalt, alles. Ohne sie hätte ich versagt. Wenn Sie Familie haben, sprechen Sie ehrlich mit ihnen - sie brauchen Ihre Unterstützung."
Nach der Ausbildung: Was kommt danach?
Sobald Sie die Abschlussprüfung bestehen, sind Sie offiziell anerkannte Fachkraft.
Gehälter nach Ausbildung (2026):
- Altenpfleger: 2.600-3.400 Euro/Monat
- Fachinformatiker: 2.800-4.200 Euro/Monat
- KFZ-Mechatroniker: 2.400-3.600 Euro/Monat
- Bankkaufmann: 2.900-4.000 Euro/Monat
Und Sie können weiterlernen:
- Meister: Master-Abschluss im Handwerk (wie MBA, aber für Handwerker)
- Techniker: technische Spezialisierung (2 Jahre Teilzeit)
- Studium: Ja, Sie können nach Ausbildung studieren - auch ohne Abitur
Ahmed (Mechaniker) macht jetzt Techniker nebenbei. "In 3 Jahren bin ich Technischer Ingenieur. Gehalt: 4.500+ Euro. Nicht schlecht für jemanden, der mit 29 von vorne anfing."
Fazit: Lohnt sich Ausbildung?
Rami arbeitet jetzt als Pflegedienstleitung. Sein Gehalt: 4.100 Euro/Monat. Er hat einen unbefristeten Vertrag, Rente, Sicherheit.
"In Syrien war ich Arzt. Hier bin ich Pfleger - weniger 'Status', wie manche sehen", sagt er. "Aber meine Kinder essen jeden Tag. Wir haben eine warme Wohnung. Ich habe keine Angst vor Bomben. Für mich ist das Erfolg."
Er hält inne. "Ausbildung war nicht einfach. Ich lüge nicht. Aber sie gab mir eine Zukunft. In meinem Alter neu anzufangen ist hart. Aber es ist möglich. Und das reicht."
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Statistisches Bundesamt - Arbeitsmarkt und Ausbildungsstatistik
- Anerkennung in Deutschland - Anerkennungsverfahren
- Bundesagentur für Arbeit - Ausbildung und BAB
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