Vor den Kuesten Kiels und Luebecks rosten seit ueber acht Jahrzehnten Raketen, Artilleriegranaten und Bomben auf dem Meeresgrund. Rund 1,6 Millionen Tonnen Munition liegen dort, versenkt von den Alliierten nach der deutschen Kapitulation 1945, um das Kriegsmaterial der Wehrmacht zu beseitigen. Das Salzwasser zersetzt die Metallhuellen langsam, aber stetig. Was die Kaempfe des Zweiten Weltkriegs ueberstanden hat, gibt nun seinen giftigen Inhalt an die Ostsee ab.
Krebserregende Stoffe in Meerestieren nachgewiesen
TNT und andere Sprengstoffverbindungen treten aus den korrodierten Huellen aus und gelangen ins Meerwasser. Forscher des GEOMAR Helmholtz-Zentrums fuer Ozeanforschung haben krebserregende Sprengstoffrueckstaende in Muscheln und anderen Meeresorganismen nachgewiesen. Die Ostsee verstaerkt das Problem: Als flaches Randmeer mit begrenztem Wasseraustausch zum Atlantik verduennt sie Schadstoffe kaum. Stattdessen reichern sich die Substanzen in der Nahrungskette an.
Aaron Beck, Leiter der aktuellen Forschungsexpedition, ordnet die Gefahr fuer den Menschen allerdings ein: Um eine bedenkliche Menge an Sprengstoffverbindungen aufzunehmen, muesste eine Person bei den derzeitigen Konzentrationen taeglich sieben Kilogramm Fisch essen, und das laenger als ein Jahr. Eine beruhigende Zahl, die aber nichts daran aendert, dass die Korrosion fortschreitet und die Belastung steigt.
Unterwasserroboter und schwimmende Entsorgungsplattform
Ein Forschungsschiff des GEOMAR ist derzeit auf einer dreiwoechigen Expedition unterwegs. Wissenschaftler aus Deutschland, Polen und Litauen kartieren gemeinsam die Munitionsstandorte. Im Einsatz sind Unterwasserroboter, die den Meeresboden absuchen, sowie Sediment- und Wasserproben und spezielle Muschelpakete, die als biologische Messstationen die Schadstoffbelastung erfassen. In der Luebecker Bucht laeuft bereits ein Pilotprojekt zur Bergung: Eine eigens konstruierte schwimmende Plattform soll die Munition sicher entschaerfen und entsorgen. Die Bundesregierung hat dafuer eine Anschubfinanzierung von 100 Millionen Euro bereitgestellt.
Was Strandbesucher wissen sollten
Fuer Badegaeste an den Osseekuesten von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gilt: Das Schwimmen an ausgewiesenen Badestellen ist nach Angaben der oertlichen Behoerden sicher. Eine konkrete Gefahr besteht, wenn Munitionsreste nach Stuermen an den Strand gespuelt werden. Die wichtigste Regel lautet: Unbekannte metallische Gegenstaende niemals anfassen und sofort die Polizei unter 110 rufen. Beim Fischverzehr gibt es bei normalem Konsum derzeit keine gesundheitliche Gefaehrdung. Die groessere Herausforderung ist oekologischer Natur und betrifft Generationen. Ob die langfristige Finanzierung der Raeumungsarbeiten gesichert wird, ist bislang offen. Die 100 Millionen Euro decken nur den Anfang.
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