"Digitaler Aufenthaltstitel um zwei Jahre verzögert" - Deutschland verschiebt eAT-Projekt erneut, Hunderttausende zwischen Papier und Versprechen
Sie sollte den Papieraufkleber im Reisepass längst ersetzen. Doch der elektronische Aufenthaltstitel (eAT) verzögert sich erneut – technische Probleme, Personalmangel und klassische deutsche Bürokratie. Hunderttausende Migranten warten, viele wissen nicht einmal, wann oder ob die Karte überhaupt kommt.
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Maryam, eine syrische Softwareingenieurin in Berlin, erhielt im Dezember 2025 eine Nachricht vom Ausländeramt: "Ihr elektronischer Aufenthaltstitel ist abholbereit". Sie ging nach drei Wochen zum mühsam vereinbarten Termin. Der Sachbearbeiter schaute auf den Bildschirm, seufzte und sagte: "Tut mir leid, ist noch nicht da. Problem beim Hersteller. Vielleicht zwei Monate noch."
Diese Szene wiederholt sich täglich in deutschen Ausländerbehörden. Der elektronische Aufenthaltstitel (eAT) - gedacht als digitale Revolution zur Vereinfachung des Migrantenlebens - ist zu einem der größten bürokratischen Fehlschläge der letzten Jahre geworden.
Versprechen und Verschiebungen: Eine Geschichte des Scheiterns
2019 kündigte die Bundesregierung stolz das eAT-Projekt an. Die Idee war simpel: Statt des Papieraufklebers im Reisepass (der verschleißt, verloren geht und teuer ersetzt werden muss) sollte eine Plastikkarte mit elektronischem Chip kommen. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sollte die Karte bis Januar 2024 flächendeckend verfügbar sein.
Doch Januar 2024 verstrich. Dann März. Dann Juli. Ende 2024 verkündete das Bundesinnenministerium, die Karte sei "bis Mitte 2026 flächendeckend verfügbar" - weitere 18 Monate Verzögerung.
Was ist das Problem?
Die offizielle Begründung? "Technische Probleme im Produktionsprozess". Die Details sind komplexer - und frustrierender:
- Hersteller mit Kapazitätsproblemen: Die Bundesdruckerei, das staatliche Unternehmen für die Kartenproduktion, meldete im November 2025, nur 15.000 Karten monatlich herstellen zu können. Das Problem? Es gibt über 2,3 Millionen neue und erneuerte Aufenthaltsanträge jährlich in Deutschland laut Statistischem Bundesamt.
- Inkompatible Software: Jedes Bundesland nutzt unterschiedliche Computersysteme in den Ausländerbehörden. Die neue eAT-Software spricht nicht dieselbe Sprache wie diese veralteten Systeme.
- Personalmangel: Ausländerbehörden klagen, sie hätten keine ausreichende Schulung für das neue System erhalten. Allein in Berlin arbeiten etwa 520 Mitarbeiter im Landesamt für Einwanderung - zu wenig für 85.000 jährliche Anträge.
Das Ergebnis? Chaos. Manche Migranten bekamen die neue Karte, die meisten stecken noch beim alten Papieraufkleber fest - und niemand weiß, wann sie die Karte bekommen.
"Warten oder Aufkleber verlängern?" - Das Dilemma der Migranten
Ahmed, ein ägyptischer Ingenieur in München, dessen Aufenthaltstitel im März 2026 abläuft, rief bei der Ausländerbehörde an. Die Antwort: "Sie können den eAT beantragen, aber er braucht 4-6 Monate. Oder Sie holen sich eine Verlängerung des Papieraufklebers in zwei Wochen."
Das Problem: Wählt er jetzt den Papieraufkleber und wird der eAT später Pflicht, muss er erneut 110 Euro zahlen. Wartet er auf den eAT und die Verzögerung zieht sich weiter? Dann könnte er ohne gültigen Aufenthaltstitel dastehen - eine rechtlich gefährliche Situation.
Praktischer Rat von Migrationsrechtsanwältin Carola Steinbach: "Läuft Ihr Aufenthaltstitel in drei Monaten ab, verlängern Sie sofort mit Papieraufkleber. Riskieren Sie nichts. Der eAT ist noch unzuverlässig."
Digitales Deutschland? Noch nicht
Dieses Scheitern steht nicht allein. Es spiegelt ein größeres Problem in Deutschland: Die schmerzhaft langsame digitale Transformation. Erinnern Sie sich - dies ist das Land, in dem die meisten Behörden noch auf Fax setzen, Restaurants oft keine Kreditkarten akzeptieren und viele Ärzte Notizen auf Papier führen.
In einem Bericht von November 2025 belegte Deutschland Rang 18 von 27 EU-Ländern im Index für digitale Verwaltung - hinter Estland, Portugal und sogar Polen.
Die Frage, die viele stellen: Wenn Estland, ein kleines Land mit weniger Ressourcen, seit Jahren effizient digitale Identitätskarten ausstellt - warum schafft das nicht Deutschland, die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt?
Was bedeutet das für Sie?
Falls Sie auf den eAT warten, sollten Sie Folgendes wissen:
- Nicht warten, wenn Ihr Titel bald abläuft: Verlängern Sie mit Papieraufkleber. Die Verzögerung kann bis zu 6 Monate dauern.
- Bewahren Sie Ihre Fiktionsbescheinigung auf: Falls die Karte sich verzögert, beweist dieses Dokument, dass Sie den Antrag gestellt haben und legal im Land sind.
- Zahlen Sie keine Extra-Gebühren für "Beschleunigung": Manche Anwälte und Agenturen bieten "Beschleunigungsdienste" für den eAT an. Das ist Betrug - es gibt keine legale Methode, den Prozess zu beschleunigen.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- BAMF - Informationen zum elektronischen Aufenthaltstitel
- Statistisches Bundesamt - Migration und Integration
- Landesamt für Einwanderung Berlin - Aufenthaltserlaubnis
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