Eine Billion Euro Verlust: Migranten zahlen
Laut einer IW-Studie hat Deutschland seit 2020 über eine Billion Euro an Wirtschaftsleistung verloren. Die Folgen treffen die arabische Community besonders hart: Kürzungen bei Integrationskursen, Druck auf den Arbeitsmarkt in der Gastronomie und im Einzelhandel sowie drohende Sparmaßnahmen bei Sozialleistungen.
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.

Jürgen Matern / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Eine Billion Euro. Keine abstrakte Zahl aus einem Forschungsbericht — sondern der reale wirtschaftliche Schaden, den Deutschland seit 2020 erlitten hat. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hervor, die diese Woche veröffentlicht wurde. Was bedeutet das für die rund eine Million arabischstämmigen Menschen in Deutschland?
Die Verluste entsprechen mehr als 20.000 Euro pro Beschäftigtem. Verursacht durch drei aufeinanderfolgende Krisen: die Corona-Pandemie, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine mit explodierenden Energiepreisen und zuletzt die Handelskonflikte mit der Trump-Administration. Allein ein Viertel der Verluste (rund 250 Milliarden Euro) entfiel auf das vergangene Jahr.
Zum Vergleich: Die globale Finanzkrise 2008/2009 kostete Deutschland rund 525 Milliarden Euro. Die Rezession von 2001 bis 2004 schlug mit 360 Milliarden zu Buche. Die aktuelle Krise übertrifft beide zusammen.
Die am stärksten betroffenen Branchen
Hinter den großen Zahlen verbirgt sich eine härtere Realität in den Vierteln, die die arabische Community gut kennt. In der Sonnenallee in Neukölln, in den Restaurants von Kreuzberg, in den Logistiklagern am Berliner Stadtrand — dort zeigt sich der wahre Schaden. Gastronomie, Einzelhandel und Logistik (Branchen, in denen viele Arabischstämmige arbeiten) sind bei wirtschaftlichen Abschwüngen besonders anfällig.
Nabil, ein syrischer Koch in einem Neuköllner Restaurant, beschreibt die Lage nüchtern: "Es kommen weniger Gäste. Und der Chef kürzt die Arbeitszeiten." Er steht damit nicht allein. Laut Statistischem Bundesamt verzeichnete das Gastgewerbe in den vergangenen zwei Jahren einen spürbaren Beschäftigungsrückgang.
Aber das Problem reicht tiefer als gekürzte Arbeitszeiten. Bei einer Konjunkturflaute verschärft sich der Wettbewerb um die verbleibenden Stellen — und viele Zugewanderte landen hinten in der Schlange. Vor allem diejenigen, deren Abschlüsse in Deutschland noch nicht anerkannt sind.
Integrationskurse unter Druck
Eines der besorgniserregendsten Signale liefern die Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Im ersten Halbjahr 2025 begannen rund 178.000 Menschen einen Integrationskurs — ein Rückgang von 7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Noch gravierender: Die Zahl neuer Teilnahmeberechtigungen sank um 20 Prozent.
Bedeutet das, dass die Chancen zum Deutschlernen schrumpfen? Nicht zwangsläufig. Aber der Trend ist eindeutig. Syrer, Afghanen und Türken machen zusammen rund 31 Prozent der neuen Kursteilnehmenden aus — jede Budgetkürzung trifft sie unmittelbar. Die Folge? Langsamere Integration und ein erschwerter Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Sparmaßnahmen in Sicht
Mehrere Berichte deuten darauf hin, dass die neue Bundesregierung (nach der Wahl im Februar 2025) umfangreiche Sparmaßnahmen erwägt, um das Haushaltsdefizit zu bewältigen. Ökonomen warnen, dass Sozialprogramme — darunter das Bürgergeld und Integrationsmaßnahmen — als Erstes gekürzt werden könnten.
IW-Forscher Michael Grömling erklärte, die wirtschaftlichen Verluste seien berechnet worden, indem man den tatsächlichen Wirtschaftsverlauf mit einem hypothetischen Szenario ohne Krisen verglichen habe. Das Ergebnis: "erhebliche und wachsende wirtschaftliche Verluste" — was anhaltenden Druck auf den Staatshaushalt für die kommenden Jahre bedeutet.
Für arabische Familien (insbesondere jene, die in den ersten Jahren auf Sozialleistungen angewiesen sind) ist die Botschaft klar: Sparmaßnahmen stehen bevor. Und die Anzeichen sind bereits spürbar — im Rückgang der Integrationskurse, in verzögerten Aufenthaltsverfahren beim Landesamt für Einwanderung in Berlin.
Andere Forscher wiesen darauf hin, dass die Auswirkungen nicht nur Neuzugewanderte treffen. Viele Arabischstämmige, die seit Jahren in Deutschland leben, arbeiten im Dienstleistungssektor — und genau dieser Sektor leidet als Erstes, wenn die Verbraucher sparen. Genau das geschieht gerade.
Eine Billion Euro — eine Zahl, die man sich kaum vorstellen kann. Doch ihre Auswirkungen zeigen sich im Kleinen: ein verschobener Termin bei der Ausländerbehörde, ein gestrichener Sprachkurs wegen fehlender Mittel, ein geschlossenes Restaurant in Kreuzberg. Die Krise steckt nicht nur in den Zahlen — sie steckt im Alltag derer, die den Preis dafür zahlen.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- DW - Die Gesamtkosten der anhaltenden Krisen in Deutschland seit 2020
- BAMF - Integrationskursstatistik (1. Halbjahr 2025)
- Statistisches Bundesamt - Arbeitsmarktdaten
- Landesamt für Einwanderung Berlin - Befristete Aufenthaltserlaubnis
5 Minuten jeden Morgen
Die wichtigsten Deutschland-Nachrichten für Sie
Wort des Tages, Nachrichten und Tipps — täglich in Ihrem Postfach
Treten Sie unserem Telegram-Kanal bei
Erhalten Sie sofortige Updates und Eilmeldungen direkt auf Ihr Telefon
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.



