Nach dem Fall Assads: Syrer in Deutschland zwischen Rückkehrtraum und Bleiberealität
Der Fall des Assad-Regimes hat alles für Syrer in Deutschland verändert. Manche packen ihre Koffer, andere halten an ihren neuen Wurzeln fest. Inmitten dieser Unsicherheit: komplexe rechtliche, wirtschaftliche und emotionale Fragen. Was bedeutet der Wandel in Syrien für 972.000 Syrer in Deutschland?
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In einer Zweizimmerwohnung in Berlin-Moabit sitzt Nadia Al-Ahmad seit sechs Uhr morgens vor ihrem Handybildschirm. Videos aus Damaskus füllen den Screen - Straßen, die sie kennt, Gesichter, an die sie sich erinnert.
"Ich will zurück," sagt sie mit erstickter Stimme. Dann, nach einem Moment Stille: "Aber wohin genau?"
Nadia ist nicht allein in dieser existenziellen Unsicherheit.
Stand Dezember 2025 leben 972.000 Syrer in Deutschland - laut Statistischem Bundesamt. Der Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 löste eine Welle unbeantworteter Fragen aus: Kehren wir zurück? Wann? Und wenn wir bleiben, was bedeutet das für unseren rechtlichen Status hier?
Die rechtliche Realität: Keine Änderung... noch nicht
Trotz der dramatischen Veränderungen in Syrien hat sich der rechtliche Status der Syrer in Deutschland nicht geändert - zumindest nicht offiziell. Das Bundesinnenministerium erklärte im Januar 2025, dass der Flüchtlingsschutz für Syrer weiterhin gilt - laut Erklärung des Bundesinnenministeriums.
Der Grund? "Die Sicherheitslage in Syrien ist nach wie vor instabil," erklärte der BAMF-Sprecher auf einer Pressekonferenz am 8. Januar 2026. "Wir brauchen eine stabile Regierung, klare Sicherheitskontrolle und tatsächlichen Wiederaufbau, bevor wir den Schutzstatus überdenken."
Aber - und hier liegt das Problem - es gibt eskalierende politische Debatten.
Die AfD (Alternative für Deutschland) drängt auf sofortige Beendigung des Schutzes. Sogar einige CDU/CSU-Mitglieder schlugen "verstärkte freiwillige Rückkehrprogramme" vor. Die Bundeskanzlerin verwies in einer Rede vom 15. Dezember 2025 auf "Förderung freiwilliger Rückkehr bei Stabilisierung der Lage" - eine vage Formulierung, die große Besorgnis auslöste.
Wer denkt an Rückkehr - und wer bleibt?
Eine Umfrage des Sachverständigenrats für Integration und Migration im Januar 2026 enthüllte überraschende Zahlen:
- **23%** der Syrer in Deutschland denken ernsthaft über Rückkehr "innerhalb der nächsten drei Jahre" nach
- **48%** "warten ab und beobachten" - keine endgültige Entscheidung
- **29%** haben sich entschieden, dauerhaft in Deutschland zu bleiben
Aber Absichten sind eine Sache, Realität eine andere.
Omar Al-Hassan, Zahnarzt in Hamburg, repräsentiert die 29%, die sich für Bleiben entschieden haben. "Ich bin seit zehn Jahren hier," sagt er beim Kaffee in seiner vollen Praxis. "Meine Kinder sprechen besser Deutsch als Arabisch. Meine Frau hat die Staatsbürgerschaft. Ich habe 780 registrierte Patienten. Was soll ich in Damaskus machen?"
Im Gegensatz dazu packt Ahmad Yousef - Tischler in Berlin - seine Sachen. "Ich habe ein Ticket nach Beirut gekauft, dann überquere ich die Grenze," erklärt er begeistert. "Ich verließ Syrien, weil Assad mich töten wollte. Jetzt ist Assad weg. Warum sollte ich hierbleiben?"
Aber Ahmad ist eine Ausnahme. Die meisten Syrer sind in der Kategorie "abwarten und beobachten."
Die wirtschaftlichen Herausforderungen der Rückkehr
Selbst wenn Syrer zurückkehren wollen, ist die wirtschaftliche Realität brutal.
Die Weltbank schätzt, dass der Wiederaufbau Syriens 400 Milliarden Dollar kosten und 15-20 Jahre dauern wird - laut Weltbank-Bericht vom November 2025. Die Infrastruktur ist zerstört, die Wirtschaft zusammengebrochen, die Währung wertlos.
Layla Al-Shami, syrische Ökonomin an einem Berliner Forschungsinstitut, erklärt: "Die Person, die 2015 Syrien verließ und hier ein Leben aufgebaut hat - einen Job mit 3.000 Euro monatlich - was soll sie in Damaskus machen, wo das Durchschnittsgehalt 50 Dollar beträgt?"
Die Zahlen sind schockierend:
- Arbeitslosenquote in Syrien: Schätzungen zwischen 55-70%
- 70% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze
- 40% der Häuser in Aleppo und Damaskus beschädigt oder zerstört
- Stromausfälle 18-22 Stunden täglich in den meisten Gebieten
"Jetzt zurückzukehren ist keine Rückkehr - es ist ein Abenteuer," schlussfolgert Layla.
Die Generationenspaltung
Eine Familie - gespalten.
In einer Wohnung in Berlin-Neukölln lebt die Familie Al-Khatib diese Spaltung täglich. Der Vater (58) will zurück. Die Mutter (54) ist unentschlossen. Der älteste Sohn (27) - der an der Charité Medizin studiert - lehnt kategorisch ab.
"Mein Vater sagt: Syrien ruft uns," erklärt der Sohn, Yousef. "Ich sage: Ich bin jetzt Deutscher. Das ist mein Zuhause. Ich werde Herzchirurg hier. Was soll ich in Damaskus ohne Strom machen?"
Kinder, die jung ankamen - oder in Deutschland geboren wurden - stehen vor einem Identitätsdilemma. Yara, 16, kam mit 6 nach Berlin.
"Meine Mutter spricht von Rückkehr zu 'unserem Haus'," sagt sie mit deutlichem deutschen Akzent. "Aber ich habe dieses Haus nie gesehen. Meine Freunde sind hier, meine Schule ist hier, mein Traum Ingenieurwesen an der TU Berlin zu studieren. Syrien ist für mich... eine Idee, kein Ort."
Was, wenn Sie zurückkehren wollen?
Für diejenigen, die ernsthaft über Rückkehr nachdenken, gibt es entscheidende praktische Überlegungen:
1. Rechtlicher Schutz in Deutschland
Wenn Sie Deutschland freiwillig verlassen, um nach Syrien zurückzukehren, **verlieren Sie automatisch** den Asylstatus und internationalen Schutz. Das bedeutet, Sie können nicht als Flüchtling nach Deutschland zurückkehren.
Aber es gibt eine Ausnahme: Wenn Sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben, können Sie frei reisen. Das ist der Grund für den Anstieg der Einbürgerungsanträge von Syrern um 127% in 2025 gegenüber 2024.
2. Renten und Sozialversicherung
Wenn Sie jahrelang in Deutschland gearbeitet und ins Rentensystem eingezahlt haben, verlieren Sie Ihre Rechte nicht automatisch bei Rückkehr. Aber es gibt Komplikationen:
- Deutsche Rente kann nach Syrien überwiesen werden - aber zu katastrophalem Wechselkurs
- Deutsche Krankenversicherung deckt Sie außerhalb der EU nicht
- Kindergeld stoppt sofort bei Verlassen Deutschlands
3. Eigentum und Geschäfte
Viele Syrer haben wirtschaftlich in Deutschland aufgebaut - Wohnungen, kleine Unternehmen, Investitionen. Alles verkaufen und zurückkehren? Eine unwiderrufliche Entscheidung.
Bashar Al-Homsi, Restaurantbesitzer in Berlin-Kreuzberg, steht täglich vor dieser Frage. "Ich habe ein Restaurant mit 18.000 Euro Monatsumsatz," sagt er und blickt auf die Speisekarte an der Wand. "Ich beschäftige 7 Leute. Wenn ich verkaufe und gehe, was soll ich in Damaskus eröffnen?"
Freiwillige Rückkehrprogramme
Deutschland bietet Rückkehrhilfe über das REAG/GARP-Programm. Aber die Beträge sind symbolisch:
- 1.000 Euro "Reisebeihilfe"
- 500 Euro "Starthilfe"
- Kostenloser Flug
"1.500 Euro um ein Leben in einem zerstörten Land zu beginnen?" fragt Nadia sarkastisch. "Das reicht nicht mal für einen Monat."
Die ungewisse Zukunft
Die Wahrheit? Niemand weiß, was passieren wird.
Anwalt Karim Al-Saleh, spezialisiert auf Asylrecht, erwartet Entwicklungen in 2026: "Wenn Syrien sich politisch stabilisiert - und das ist ein großes 'Wenn' - wird Deutschland beginnen, Schutzentscheidungen zu überprüfen. Aber das passiert nicht über Nacht. Wir sprechen von einem Prozess von mindestens 3-5 Jahren."
In der Zwischenzeit leben Syrer in Deutschland im Wartezustand.
Nadia Al-Ahmad, mit der wir diesen Bericht eröffneten, aktualisiert noch immer jeden Morgen ihren Handybildschirm. Sie sieht Videos aus Damaskus, liest Nachrichten, spricht mit ihrer Familie dort.
"Werde ich zurückkehren?" fragt sie sich laut. "Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Wir leben zwischen zwei Welten - nicht mehr ganz syrisch, noch nicht ganz deutsch. Wir warten. Das ist alles, was wir tun können."
المصادر / Quellen
- Statistisches Bundesamt - Syrische Bevölkerung in Deutschland 2025
- Bundesministerium des Innern - Schutzstatus für syrische Flüchtlinge 2026
- SVR - Sachverständigenrat für Integration und Migration: Umfrage Januar 2026
- World Bank - Syria Reconstruction Report November 2025
- REAG/GARP - Rückkehrprogramm für Geflüchtete
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