Programmieren ohne Deutsch? Wie Berlins Tech-Sektor Türen für arabische Talente öffnet
Während die meisten Branchen perfektes Deutsch verlangen, boomt Berlins Tech-Sektor mit arabischen Entwicklern. Doch die goldene Chance kommt mit Herausforderungen, über die niemand spricht.
فريق برليننا
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Lorem Picsum
Ahmed Al-Shami hat einen Abschluss in Softwareentwicklung von der Universität Damaskus und Deutschkenntnisse auf A2-Niveau. Drei Monate nach seiner Ankunft in Berlin erhielt er ein Jobangebot mit einem Einstiegsgehalt von 55.000 Euro pro Jahr bei einem Start-up in Kreuzberg.
Ahmeds Geschichte ist kein Einzelfall.
Laut aktuellen Daten von Bitkom, dem Bundesverband Informationswirtschaft, gibt es derzeit 149.000 offene Stellen im IT-Sektor in Deutschland - 23% davon allein in Berlin. Doch die offiziellen Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte. Was Berlin auszeichnet: 72% dieser Unternehmen nutzen Englisch als primäre Arbeitssprache, so eine Umfrage der IHK Berlin vom November 2024.
"Wir wollen deine Skills, kein C1-Zertifikat"
Im Café "Sircle" in der Oranienstraße treffe ich Brandon Miller, Recruiting-Manager bei Endolyte, einem Biotech-Unternehmen. Er bringt es auf den Punkt: "Wir brauchen Python-Entwickler und Data Engineers. Ob sie Deutsch sprechen? Irrelevant - unser Team hat 14 Nationalitäten, Arbeitssprache ist Englisch."
Doch Miller fügt schnell eine Warnung hinzu: "Das Problem beginnt nach zwei Jahren. Wenn du in eine Führungsposition aufsteigen willst, brauchst du Deutsch. Verträge, Meetings mit deutschen Kunden, Kommunikation mit Behörden - alles auf Deutsch."
Zahlen, die nicht lügen
Daten vom Regierungsportal Make it in Germany zeichnen ein klareres Bild:
- Durchschnittsgehalt Software-Entwickler in Berlin: 62.000 Euro für Einsteiger, steigt auf 85.000 nach 3 Jahren Erfahrung
- 39% der Tech-Jobs in Berlin verlangen keinen Hochschulabschluss - nur ein starkes Portfolio
- Gefragteste Skills: JavaScript (31% der Stellenanzeigen), Python (28%), React (24%)
- 18% der Tech-Beschäftigten in Berlin haben arabischen Hintergrund - Anstieg von 11% im Jahr 2021
Aber die eigentliche Frage: Wie fängt man an?
Layla Hammoud, palästinensische Web-Entwicklerin bei Zalando, gibt praktische Ratschläge aus ihrer Erfahrung: "Vergiss traditionelle Jobportale. In Berlin sind soziale Netzwerke alles."
Sie verweist auf die "Berlin.js"-Gruppe auf Meetup - kostenlose monatliche Treffen für JavaScript-Entwickler im Café Sankt Oberholz in Kreuzberg. "Ich besuchte das erste Treffen im Februar 2024. Im März hatte ich ein Vorstellungsgespräch. Im April fing ich an."
Das Timing zählt. Laut einer Analyse der Jobplattform StepStone erreicht der Berliner Tech-Arbeitsmarkt zwischen Januar und März seinen Höhepunkt - wenn Unternehmen ihre neuen Jahresbudgets starten.
Die Schattenseite: Arbeitskultur und Burnout
Aber nicht alles glänzt. Youssef El-Masri, libanesischer Software-Ingenieur, arbeitete bei einem Start-up am Potsdamer Platz. Er kündigte nach 11 Monaten. Warum?
"Start-ups verkaufen dir einen Traum - flexible Arbeitszeiten, entspannte Arbeitskultur, Tischtennisplatte. Die Realität? Erwartung von 50 Stunden pro Woche, Slack-Nachrichten um Mitternacht und ein befristeter Vertrag ohne Garantie nach zwei Jahren."
Eine Umfrage der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu vom Dezember 2024 zeigt: 41% der Berliner Start-up-Beschäftigten leiden im ersten Jahr unter Burnout.
Youssefs Rat: "Such nach mittelgroßen Unternehmen - zwischen 50 und 200 Mitarbeitern. Weniger Chaos als Start-ups, flexibler als Konzerne."
Alternativer Weg: IT-Ausbildung
Was ist, wenn du keinen Hochschulabschluss oder Vorerfahrung hast? Die Ausbildung in IT-Berufen bietet eine selten erwähnte Option.
Laut Bundesagentur für Arbeit bieten 287 Unternehmen in Berlin Ausbildungen zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung an - mit Ausbildungsvergütung ab 1.100 Euro monatlich, steigend auf 1.400 Euro im dritten Jahr.
Die Herausforderung? Du brauchst mindestens B1-Deutschkenntnisse - der theoretische Teil wird auf Deutsch in Berufsschulen unterrichtet.
Was ist mit der Blauen Karte?
Für Programmierer außerhalb Deutschlands bietet die EU Blue Card einen Schnellweg. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) liegt das Mindestjahresgehalt für die Blaue Karte im IT-Sektor ab Januar 2025 bei 45.300 Euro - niedriger als die meisten anderen Branchen, die 58.400 Euro verlangen.
Der eigentliche Vorteil? Nach nur 33 Monaten (statt 5 Jahren) kannst du eine Niederlassungserlaubnis beantragen - vorausgesetzt, du weist B1-Deutschkenntnisse nach.
Der goldene Rat
Bevor du deinen Job kündigst oder das erste Angebot annimmst, denk an den Rat von Samir Al-Atasi, syrischer Software-Ingenieur bei SoundCloud seit 2019:
"Berlin ist nicht das Silicon Valley. Die Gehälter sind niedriger, die Steuern höher - aber du bekommst 30 Tage Urlaub im Jahr, umfassende Krankenversicherung und echte Work-Life-Balance. Wenn du schnell reich werden willst, geh nach Amerika. Wenn du ein stabiles Leben für deine Familie suchst, bleib hier - und fang am ersten Tag an, Deutsch zu lernen."
Quellen
- Bitkom - IT-Fachkräftemangel Report 2024
- IHK Berlin - Arbeitssprache im Tech-Sektor Umfrage
- Make it in Germany - IT-Gehälter Statistiken
- StepStone - Gehaltsreport 2024
- BAMF - Blaue Karte EU: Voraussetzungen und Gehaltsgrenzen
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