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Abu Khaled: 40 Jahre Dolmetscher für die Community

In jedem arabischen Viertel Berlins gibt es jemanden, den alle kennen.

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Hausfassaden an der Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln

Symbolbild: Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln.Bildquelle: Neuköllner · CC BY-SA 4.0

Redaktioneller BelegVon der Berlinuna Redaktion2 offizielle LinksAktualisiert 14. Januar 2026Methodik
Quellenbeleg

Abu Khaled sitzt seit 1987 im selben Café. Der Stuhl am Fenster mit Blick auf die Karl-Marx-Straße in Neukölln. "Das ist mein Büro", lacht er und zeigt auf den Tisch voller vergilbter Papiere.

Die Papiere? Kopien von Behördenbriefen, Aufenthaltsanträge, Arbeitsverträge. Alle für andere Menschen.

"Heute kam ein junger Mann zu mir - Syrer, seit drei Monaten hier", berichtete Abu Khaled, während er seinen türkischen Kaffee trinkt. "Das Jobcenter hatte ihm einen Brief geschickt. Er verstand kein einziges Wort. Wir saßen eine Stunde und haben übersetzt."

Vom Libanon nach Berlin

Abu Khaled - sein richtiger Name ist Mohammed - kam 1985 nach West-Berlin. Er war 23 Jahre alt, auf der Flucht vor dem libanesischen Bürgerkrieg.

"Ich kannte kein einziges deutsches Wort", erinnerte er sich. "Die Papiere waren wie Hieroglyphen. Aber da war ein Palästinenser - Abu Samir, Gott hab ihn selig - er hat mir geholfen. Er brachte mir alles bei: wie man Formulare ausfüllt, wann man zum Termin geht, was man sagt."

Jahre später wurde Abu Khaled selbst zum neuen Abu Samir für die nächste Generation.

Vier Jahrzehnte Übersetzung

Niemand weiß genau, wie vielen Menschen Abu Khaled geholfen hat. Er selbst führt keine Aufzeichnungen. Aber wenn man mit ihm durch die Sonnenallee geht, versteht man es.

"Abu Khaled!" - ein Ruf von der anderen Straßenseite. Ein Mann in den Fünfzigern überquert die Straße, um ihm die Hand zu schütteln. "Das ist Mahmoud", erklärte Abu Khaled. "Ich half ihm 2003 beim Antrag auf Familiennachzug. Seine Familie kam zwei Jahre später."

"Ohne ihn wären sie nie angekommen", bestätigte Mahmoud. "Die Papiere waren viel zu kompliziert. Er verstand das System."

Dieses Verständnis - das Verständnis des Systems - zeichnet Abu Khaled aus. Es geht nicht nur um die Übersetzung von Wörtern. Sondern um die Übersetzung einer ganzen bürokratischen Kultur.

"Das System hat seine Logik"

"Deutsche mögen Genauigkeit", wies er darauf hin. "Wenn sie eine Kopie des Passes verlangen, schick nicht das Original. Wenn der Termin um 10 Uhr ist, sei um 9:45 da. Das sind einfache Dinge, aber sie machen den Unterschied."

In vier Jahrzehnten hat Abu Khaled mehrere Wellen von Ankömmlingen erlebt: Libanesen in den Achtzigern, Iraker in den Neunzigern und nach 2003, Syrer seit 2015. Jede Welle brachte ihre eigenen Herausforderungen.

"Aber die grundlegenden Probleme sind die gleichen", merkte er an. "Die Sprache, die Papiere, das Warten. Und die Angst - die Angst, abgelehnt zu werden, abgeschoben zu werden, zu scheitern."

Eine neue Generation lernt

Heute, mit 64 Jahren, macht Abu Khaled langsamer. Aber er hat nicht aufgehört.

"Meine Tochter hilft mir jetzt", erzählte er stolz. "Sie ist Anwältin. Sie versteht das Gesetz besser als ich. Aber ich verstehe die Menschen."

Seine Tochter Sara (32) studierte Jura an der Humboldt-Universität. "Mein Vater hat mir etwas beigebracht, was man an der Uni nicht lernt", sagte sie. "Wie man ein komplexes System für jemanden, der verängstigt und verwirrt ist, einfach macht."

In seinem Stammcafé empfängt Abu Khaled einen weiteren Besucher. Eine junge Syrerin mit einem Brief vom Einwanderungsamt. Er setzt seine Brille auf, liest aufmerksam, dann lächelt er.

"Ihr Aufenthalt ist genehmigt. Herzlichen Glückwunsch."

Die junge Frau kämpft mit den Tränen. Abu Khaled klopft ihr auf die Schulter - eine väterliche Geste. "Geh und feier mit deiner Familie. Und wenn du etwas brauchst, weißt du, wo du mich findest."

Er kehrt zu seinem Kaffee zurück. Der Stuhl am Fenster wartet auf den nächsten Besucher.

Hinweis: Einige Namen in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.

Quellen

  1. Landesamt für Einwanderung Berlin - Aufenthaltsinformationen
  2. BAMF - Statistiken zur ausländischen Bevölkerung

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