Rechtsextreme Frauen: Das sanfte Gesicht
Ein investigativer Tagesschau-Bericht enthüllt organisierte Netzwerke rechtsextremer Frauen in Europa, die über Social Media und sanfte Botschaften antimuslimische Ideologie verbreiten. Die Zahlen zeigen einen Anstieg der Hasskriminalität gegen Araber und Muslime in Deutschland.
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58.916 politisch motivierte Straftaten registrierten die deutschen Behörden im Jahr 2024 — mehr als die Hälfte davon rechtsextrem eingestuft. Doch hinter dieser nüchternen Zahl verbirgt sich ein neuer Trend, den Statistiken kaum erfassen: Frauen, die mit Kochvideos, Mütter-Blogs und perfekt inszenierten Instagram-Accounts die Frontlinie der extremen Rechten übernehmen.
Ein investigativer Bericht der Tagesschau deckt organisierte Netzwerke rechtsextremer Frauen quer durch Europa auf. Sie nutzen die sogenannte "Tradwife"-Ästhetik — traditionelle Weiblichkeit, Häuslichkeit, Naturverbundenheit — um antimuslimische und migrationsfeindliche Ideologie salonfähig zu machen. Die Botschaft? Sanft. Der Inhalt? Kaum anders als ein Neonazi-Flugblatt.
Der Bericht zeigt, dass diese Netzwerke grenzübergreifend zwischen Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden operieren. Sie erreichen vor allem junge Frauen mit Inhalten über Familie, gesunde Ernährung und bescheidene Mode — Inhalte, die schrittweise in Verschwörungstheorien vom "Großen Austausch" und in antiislamische Hetze übergehen.
Die Zahlen des Hasses
Laut dem Bundeslagebild des BMI zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) 2024 machten rechtsmotivierte Straftaten rund 40 Prozent aller Fälle aus. Besonders alarmierend: Die Zahl der als "islamfeindlich" eingestuften Delikte stieg im Vergleich zu 2023 deutlich an. Und 2023 war bereits ein Rekordjahr. Kein Zufall.
Parallel berichtete die Deutsche Welle, dass rechtsextreme Influencerinnen in Deutschland Hunderttausende Follower auf Social Media versammeln. Eine der bekanntesten hat allein auf Instagram über 150.000 Abonnenten. Ihr Content? Eine Mischung aus Brotback-Anleitungen und Posts über die "Bewahrung der europäischen Kultur" vor Migranten.
Aber wie genau wirkt sich dieser digitale Inhalt auf das tägliche Leben arabischer Familien in Deutschland aus?
Vom Bildschirm auf die Straße
Salma, eine syrische Mutter aus Berlin-Charlottenburg, lebt seit acht Jahren in Deutschland. Sie hat die Veränderung bemerkt. Eine Nachbarin (jahrelang freundlich) begann plötzlich, ihr auszuweichen und Zettel an ihre Tür zu kleben — über "Sauberkeit" und "Ruhe", obwohl sich in der Wohnung nichts geändert hatte. Später erfuhr Salma, dass die Nachbarin in einer lokalen Telegram-Gruppe aktiv geworden war, die rechtsextremes Gedankengut verbreitet. Dieser Wandel — vom Lächeln zur Feindseligkeit — ist genau das, wovor Experten warnen.
Die Amadeu Antonio Stiftung (spezialisiert auf Rechtsextremismus-Monitoring) betonte, dass rechtsextreme Frauen eine andere Rolle spielen als Männer. Sie stehen nicht unbedingt bei Aufmärschen in der ersten Reihe. Stattdessen bauen sie "Parallelgemeinschaften" in den Kiezen auf: Müttergruppen, Strickkreise, Sportvereine — alles harmlos wirkend, aber als Einstiegstor für Radikalisierung konzipiert.
Die Normalisierungsstrategie
Forschungen zeigen ein klares Drei-Phasen-Muster: Zunächst "unpolitische" Inhalte mit breiter Anziehungskraft. Dann leichte nationalistische Elemente ("Wir sind stolz auf unsere Kultur"). Und schließlich offene Rhetorik über die "Gefahr der Islamisierung" und den "Identitätsverlust". Diese Stufenlogik — und das ist das Gefährliche — lässt extremes Gedankengut normal erscheinen.
Der Tagesschau-Bericht wies darauf hin, dass einige dieser Accounts drei- bis fünfmal höhere Engagement-Raten erzielen als traditionelle männliche rechtsextreme Profile. Der Grund ist einfach: Plattform-Algorithmen bevorzugen "positive" Inhalte über Familie und Natur gegenüber offen aggressiven Posts.
Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin warnten, dass dieses Phänomen die Sicherheitsbehörden vor ein besonderes Problem stellt. Denn die Inhalte enthalten oft keine direkt strafbaren Äußerungen. Das Ergebnis? Eine erhebliche Überwachungslücke.
Was bedeutet das für die arabische Community?
Die Auswirkungen sind alles andere als theoretisch. Beratungsstellen in Berlin, Nürnberg und Köln berichten, dass die Zahl der Meldungen über alltägliche Anfeindungen (insbesondere gegen Frauen mit Kopftuch) in den letzten zwei Jahren um geschätzt 30 Prozent gestiegen ist. Viele dieser Vorfälle werden nie offiziell erfasst, weil sie juristisch keine "Straftaten" darstellen — ein scharfer Blick im Supermarkt, eine abfällige Bemerkung auf dem Schulhof, eine grundlose Ablehnung bei der Wohnungssuche.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) bestätigte, dass Diskriminierungsbeschwerden aufgrund ethnischer Herkunft und Religion 2024 auf Rekordniveau verharrten. Muslimische Frauen — vor allem solche, die Hijab tragen — seien am stärksten von verbalen Übergriffen betroffen.
Dieser "sanfte Extremismus" wirkt auf zwei Ebenen gleichzeitig: Er normalisiert fremdenfeindliches Denken in der Mehrheitsgesellschaft und verstärkt das Isolationsgefühl in den betroffenen Gemeinschaften. Und genau darin liegt seine besondere Gefahr — im Gegensatz zu gewalttätigen Demonstrationen, die öffentliche Solidarität auslösen, bleibt stiller Extremismus unter dem Radar. Keine Gegendemo, keine Empörung. Nur ein langsames Verschieben der Grenzen des Sagbaren.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen / المصادر
- DW Arabic - وجوه ناعمة وخطاب متشدد: شبكات نساء اليمين المتطرف في أوروبا (2025)
- Tagesschau Investigativ - Rechtsextreme Frauennetzwerke in Europa (2025)
- BMI - Politisch motivierte Kriminalität 2024: Bundeslagebild
- Amadeu Antonio Stiftung - Gender und Rechtsextremismus
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes - Jahresbericht 2024
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