Arabische Podcasts aus Deutschland boomen
In kleinen Studios in Berlin und anderen deutschen Städten bauen arabische Content-Creator wachsende Zuhörerschaften auf. Von psychischer Gesundheit bis Identitätsfragen — Podcasts öffnen Türen, die in der arabischen Diaspora lange verschlossen waren.
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.

صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: -A1AN/Pixabay · Pixabay License
In einer kleinen Wohnung in Neukölln stellt Nour ein Mikrofon auf den Küchentisch und drückt auf Aufnahme. Es ist 22 Uhr, die Kinder schlafen endlich. Eine Stunde hat sie, um eine neue Folge aufzunehmen — über die Angst, die jeden Termin bei der Ausländerbehörde begleitet. "Meine Hörer schreiben mir: Ich dachte, ich wäre die Einzige", erzählt Nour, die ihren Podcast vor zwei Jahren gestartet hat.
Nour ist nicht allein. In den vergangenen drei Jahren sind Dutzende arabischsprachiger Podcasts aus Deutschland entstanden. Sie behandeln Themen, die in den Diaspora-Gemeinschaften lange als Tabu galten — psychische Gesundheit, Beziehungen, Identitätskrisen und Karrieretipps für Menschen, die in einem neuen Land bei null anfangen.
Warum gerade Podcasts?
Laut einer Goldmedia-Studie von 2024 hören rund 43 Prozent der Bevölkerung in Deutschland regelmäßig Podcasts. Aber unter der arabischen Gemeinschaft (die laut Statistischem Bundesamt über zwei Millionen Menschen umfasst) hat das Medium eine ganz andere Bedeutung.
Der Grund ist einfach und zugleich vielschichtig. Audio ist intim. Keine Kamera, keine soziale Fassade. Viele Hörerinnen (besonders Frauen) bevorzugen ein Medium, das kein Gesicht verlangt — weder vom Sprecher noch vom Publikum. Und Podcasts lassen sich in der S-Bahn hören oder während der Arbeit in der Küche, also in Momenten, in denen Lesen oder Videos nicht möglich sind.
Eine Medienforscherin der Freien Universität Berlin erklärte, dass Podcasts eine Lücke füllen, die traditionelle Medien offenlassen: "Sie sprechen im Dialekt der Hörer und über deren reale Alltagsprobleme in Deutschland — nicht nur über Nachrichten aus dem Nahen Osten."
Stimmen aus verschiedenen Städten
Zu den bekanntesten arabischen Audio-Projekten in Deutschland gehört der Podcast "Andi Su'al" der Deutschen Welle, der praktische Folgen über das Leben in Deutschland auf Arabisch bietet. Aber auch abseits der großen Medienhäuser entstehen spannende Einzelprojekte. Samer, ein syrischer Ingenieur in Hamburg seit 2016, nimmt wöchentliche Folgen über seinen beruflichen Werdegang auf — vom Integrationskurs bis zu seinem aktuellen Job. "Ich erzähle, was sonst niemand erzählt", betonte er. "Wie gehst du mit deinem deutschen Chef um, wenn du die Arbeitskultur nicht verstehst? Das steht in keinem Buch."
In Berlin startete Layla (Name geändert) einen Podcast über psychische Gesundheit bei Arabern in der Diaspora. Die Folgen sind 30 bis 50 Minuten lang, manche erreichten über 15.000 Aufrufe. Aber die Zahlen sind nicht das, was zählt. "Ich bekam eine Nachricht von einem jungen Mann in Dortmund, der nach einer Folge über Depression seinen ersten Termin beim Therapeuten gemacht hat", berichtete Layla. "Das ist wichtiger als jede Statistik."
Die Tabu-Themen sind genau das, was Hörer anzieht. Psychische Gesundheit — in vielen arabischen Gemeinschaften nach wie vor stigmatisiert — führt die Listen der meistgehörten Folgen an. Danach kommen Themen wie doppelte Identität und Generationenkonflikte.
Die Herausforderung des Weitermachens
Arabischen Podcast in Deutschland zu machen, ist allerdings alles andere als einfach. Die meisten Creator verdienen kein Geld mit ihren Projekten. Finanzierung? Praktisch nicht vorhanden. Wie die Deutsche Welle berichtete, lag der deutsche Podcast-Werbemarkt 2025 bei rund 120 Millionen Euro — der arabischsprachige Anteil davon ist verschwindend gering.
Und dann ist da die Sprachfrage. Syrischer Dialekt, ägyptischer, oder doch Hocharabisch? Jede Entscheidung bedeutet, ein Publikum zu gewinnen und ein anderes zu verlieren. Samer wies darauf hin, dass er sich für den syrischen Dialekt entschieden hat, "weil er mir am nächsten ist — die Hörer gewöhnen sich dran". Layla hingegen wählte eine Mischung aus Hocharabisch und ägyptischem Dialekt, um ihre Reichweite zu vergrößern.
Das größte Problem? Die Zeit. Die meisten Podcaster arbeiten Vollzeit und nehmen spätabends auf. Etwa 8 bis 12 Stunden pro Woche verschlingt die Vorbereitung, Aufnahme und Nachbearbeitung — alles ehrenamtlich.
Mehr als Unterhaltung
Was diese Podcasts von reiner Unterhaltung unterscheidet, ist ihre gesellschaftliche Funktion. In Gemeinschaften, in denen offene Gespräche über Gefühle schwierig sind, wird der Podcast zum geschützten Raum. Eine Erhebung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge stellte fest, dass 62 Prozent der arabischen Migranten im ersten Jahr in Deutschland soziale Isolation empfinden. Podcasts — mit ihrer intimen Stimme und ihren nahen Themen — durchbrechen diese Isolation ein Stück weit.
In jener kleinen Wohnung in Neukölln hat Nour ihre neue Folge fertig aufgenommen. Es ist nach 23 Uhr. Morgen geht sie zurück zur Arbeit in der Altenpflege. Aber ihr Handy wird sich mit Nachrichten füllen von Menschen, die ihre Stimme gehört haben und sich — wenn auch nur für einen Moment — verstanden fühlten. Und das, sagt Nour, reicht zum Weitermachen.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Destatis — Statistiken zu Migration und Integration in Deutschland
- DW Arabic — Arabischsprachige Podcast-Sektion
- BAMF — Integrationskursstatistiken und soziale Isolation
- Goldmedia — Podcast-Markt Deutschland 2024
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