Kultur

Habermas: Philosoph des Dialogs ist tot

Jürgen Habermas starb im Alter von 96 Jahren.

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Der Philosoph Jürgen Habermas bei einer Diskussion in München im Jahr 2008

Jürgen Habermas bei einer Diskussion in München (Archivbild von 2008).Bildquelle: Wolfram Huke · CC BY-SA 3.0

Redaktioneller BelegVon der Berlinuna Redaktion3 QuellenlinksAktualisiert 15. März 2026Methodik
Quellenbeleg

In der Bibliothek der Goethe-Universität Frankfurt gehörte "Strukturwandel der Öffentlichkeit" jahrzehntelang zu den meistentliehenen Büchern unter arabischen Studierenden. Sein Autor Jürgen Habermas starb am Freitag im Alter von 96 Jahren. Seine Ideen aber leben weiter - in Hörsälen von Berlin bis Bagdad.

Wie DW berichtete, starb Habermas am 14. März 2026. Geboren 1929 in Düsseldorf, wuchs er unter dem Nationalsozialismus auf - eine Erfahrung, die seine lebenslange Beschäftigung mit Demokratie und öffentlichem Diskurs prägte.

Aber was macht einen deutschen Philosophen für die Leser von Berlinuna relevant?

Öffentlichkeit auf Arabisch

Habermas' Theorie der Öffentlichkeit - jener Raum, in dem Bürger frei über gemeinsame Angelegenheiten diskutieren - fand enormen Widerhall im arabischen Denken. Der marokkanische Philosoph Mohammed Abed al-Jabri und der Algerier Mohammed Arkoun (beide zu den bedeutendsten arabischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zählend) ließen sich von seinem kritischen Ansatz zur Analyse von Macht und Diskurs inspirieren.

Der tunesische Denker Fathi Triki erklärte in zahlreichen Studien, wie Habermas' Konzept des kommunikativen Handelns von 1981 arabischen Intellektuellen Werkzeuge lieferte, um das Fehlen demokratischer Debatte in ihren Gesellschaften zu verstehen. Die Kernidee ist einfach: Wahrheit entsteht nicht durch Autorität von oben, sondern durch freien Austausch unter Gleichberechtigten.

Während des Arabischen Frühlings 2011 kehrten Habermas' Theorien mit Wucht zurück. Zahlreiche akademische Arbeiten wiesen darauf hin, dass die Tahrir-Plätze in Kairo und Tunis eine praktische (wenn auch vorübergehende) Verkörperung jener Öffentlichkeit darstellten, die er ein halbes Jahrhundert zuvor theoretisch beschrieben hatte.

Von Frankfurt nach Neukölln

An deutschen Universitäten studieren heute laut DAAD mehr als 44.000 arabische Studierende. Viele von ihnen (besonders in den Fächern Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie) begegnen Habermas bereits im ersten Semester. Und für einen irakischen oder syrischen Studenten in Berlin-Neukölln ist die Lektüre von Habermas' Schriften zur deliberativen Demokratie keine abstrakte Übung - sondern ein Spiegel realer Fragen über die Heimat, die er verlassen hat.

Sein Biograph Stefan Müller-Doohm betonte, dass die Idee der Demokratie der rote Faden durch Habermas' gesamtes Werk war. Geboren in der untergehenden Weimarer Republik, als Jugendlicher in die Flakhelfer der Wehrmacht eingezogen. Diese dunkle Vergangenheit überzeugte ihn, dass rationaler Dialog - nicht Gewalt, nicht Ideologie - der einzige Weg zu einer freien Gesellschaft sei.

Habermas selbst erklärte einmal, demokratische Staaten müssten die Wirtschaft Regeln unterwerfen, die die Gesellschaft schützen. Worte, die heute - angesichts des Aufstiegs populistischer Bewegungen und schwindenden Institutionenvertrauens - dringlicher klingen denn je.

Ein unvollendetes Erbe

DW berichtete, dass Habermas bis in seine letzten Jahre intellektuell aktiv blieb. 1999 befürwortete er den NATO-Einsatz im Kosovo. Während der Euro-Krise forderte er eine supranationale europäische Demokratie. Und als er 2021 den Sheikh-Zayed-Buchpreis der Vereinigten Arabischen Emirate zunächst annahm und dann ablehnte, löste das eine breite Debatte über das Verhältnis von Intellektuellen und Macht aus.

Der libanesische Denker Ali Harb hob hervor, dass Habermas' Einfluss auf das arabische Denken weit über die Akademie hinausging. Begriffe wie "öffentlicher Raum", "Diskursethik" und "deliberative Demokratie" fanden Eingang in den zeitgenössischen arabischen politischen Wortschatz - von Fachzeitschriften bis in die Tagespresse.

Die Frage, die Habermas' Tod der arabischen Diaspora in Deutschland stellt, ist keine akademische. Können wir - die wir aus Gesellschaften kommen, die unter dem Fehlen freier Debatte gelitten haben - in unserer neuen Heimat jene Öffentlichkeit aufbauen, von der er träumte? Vielleicht liegt die Antwort in einem Café an der Ecke Sonnenallee, wo junge Araber über Politik und Gesellschaft diskutieren. Habermas hätte gelächelt.

المصادر / Quellen

  1. DW Arabic - Nachruf auf Jürgen Habermas (14.03.2026)
  2. Tagesschau - Jürgen Habermas gestorben (14.03.2026)
  3. DAAD - Studieren und Forschen in Deutschland (Statistiken)

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