Es ist drei Uhr morgens in Berlin. Shirin schläft nicht. Ihre Augen sind auf das Handy gerichtet, sie wechselt zwischen Telegram und Instagram, sucht nach Nachrichten aus dem Iran. Neue Fotos von den Protesten. Ein Video einer Verhaftung. Eine Nachricht von ihrer Schwester in Teheran: Alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.
Aber Shirin weiss, dass alles in Ordnung unter der Unterdrückung nichts bedeutet.
Ich lebe zwei Leben, sagt sie. Tagsüber bin ich in Berlin ich gehe zur Arbeit, trinke Kaffee, rede mit Kollegen über das Wetter. Aber nachts bin ich im Iran. Jede Nacht.
Ein Weggehen, das keine Wahl war
Shirin 42 Jahre verliess den Iran vor 8 Jahren. Als Architektin kam sie, um ihren Master an der TU Berlin zu machen. Sie hatte nicht geplant zu bleiben.
Ich liebte Teheran, erinnert sie sich. Den Lärm, das Chaos, den Geruch von frischem Brot am Morgen. Aber jeder Besuch in der Heimat wurde schwieriger. Die Gesetze wurden strenger. Die Freiheit schrumpfte. Bei meinem letzten Besuch vor 4 Jahren fühlte ich mich wie eine Fremde.
Heute ist Shirin eine von etwa 80.000 Iranern, die in Berlin leben, laut Statistiken des Berliner Senats. Viele von ihnen besonders Frauen verfolgen die Ereignisse mit täglicher Sorge, die sich manchmal in chronische Schlaflosigkeit verwandelt.
Vom Zuschauen auf die Strasse
Als die jüngsten Proteste im Iran begannen, verfolgte Shirin sie aus der Ferne. Aber etwas änderte sich.
Ich sah die Bilder der Mädchen auf den Strassen, sagt sie. Manche waren im Alter meiner Nichte. Sie stehen vor der Polizei, ohne Angst. Und ich bin hier in Sicherheit und schaue zu. Ich schämte mich.
Am nächsten Tag stand Shirin am Brandenburger Tor mit einem Plakat. Es war nicht das erste Mal, dass sie an einer Demo teilnahm, aber es war das erste Mal, dass sie die Teilnahme als Pflicht empfand nicht als Wahl.
Jetzt organisiere ich, fügt sie hinzu. Wöchentliche Treffen, Koordination mit anderen iranischen Gruppen in Europa, Kontakt zur deutschen Presse. Manchmal arbeite ich 18 Stunden am Tag 8 in meinem Job, 10 im Aktivismus.
Die Angst, die nicht geht
Shirins Aktivismus bleibt nicht ohne Preis. Ihre Schwester in Teheran bat sie, aufzuhören, unter ihrem echten Namen zu posten. Die Sicherheitsbehörden überwachen die Auslandsiraner, erklärte sie in einer Nachricht. Jeder Post hier könnte uns dort angerechnet werden.
Shirin änderte ihren Namen in den sozialen Medien. Aber sie hörte nicht auf.
Ich kenne die Risiken, sagt sie ruhig. Ich weiss, dass meine Familie den Preis zahlen könnte. Das schmerzt mich jeden Tag. Aber was ist die Alternative? Schweigen? Schweigen ist es, was sie wollen.
Laut Amnesty International Deutschland erleben viele iranische Aktivisten im Ausland Druck auf ihre Familien in der Heimat eine Taktik, die als Familien-Geiselnahme bekannt ist.
Eine Gemeinschaft formt sich neu
Aber Shirin ist nicht allein. Die jüngsten Proteste haben die Iraner in Berlin so zusammengebracht wie nie zuvor.
Vor einem Jahr kannte ich nicht viele Iraner hier, sagt sie. Wir lebten auf getrennten Inseln. Jetzt? Ich kenne Dutzende. Wir treffen uns wöchentlich. Einige von uns sind echte Freunde geworden.
Die Solidarität reicht auch über die iranische Gemeinschaft hinaus. Viele Deutsche unterstützen uns, bemerkt Shirin. Sie kommen zu den Demos, fragen, wie sie helfen können. Das bedeutet viel.
Was sie weitermachen lässt
Ich fragte sie: Was, wenn sich nichts ändert? Was, wenn die Unterdrückung noch Jahre andauert?
Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie:
Veränderung kommt nicht über Nacht. Die Berliner Mauer ist nicht an einem Tag gefallen. Aber sie ist gefallen. Ich weiss nicht, wann ich einen freien Iran sehen werde. Vielleicht nie in meinem Leben. Aber meine Nichte könnte es. Und das reicht.
Dann lächelte sie ein müdes Lächeln, aber mit etwas anderem darin. Vielleicht Hoffnung. Oder vielleicht nur Sturheit.
Es ist nur noch Wut übrig, schliesst sie. Und Wut ist Treibstoff.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre und Sicherheit der Familien geändert.
Quellen
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