Jeder Fünfte. So viele Deutsche zeigen sich heute offen für autoritäre Ideen - das ergibt der neue „Deutschland-Monitor“, den die Ostbeauftragte der Bundesregierung Elisabeth Kaiser am Donnerstag, dem 19. Februar 2026, in Berlin vorstellte. In den ostdeutschen Bundesländern steigt der Anteil auf ein Viertel. Die Studie befragte rund 8.000 Teilnehmende über 16 Jahre.
Die direkten Zahlen klingen zunächst beruhigend: 98 Prozent befürworten die „Idee der Demokratie“, 89 Prozent lehnen eine Diktatur unter allen Umständen ab. Aber unter dieser Oberfläche verbirgt sich ein beunruhigendes Bild.
31 Prozent stimmten der Aussage zu: „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die den Volkswillen verkörpert.“ Weitere 23 Prozent stimmten teilweise zu. Und die These, wonach „unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform“ sei, bejahten bundesweit 4 Prozent vollständig und 7 Prozent teilweise. In Ostdeutschland: 6 Prozent voll, 12 Prozent teilweise.
Die Grauzone wächst
Nur 60 Prozent zeigten sich mit der „Funktionsweise der Demokratie“ zufrieden - im Osten nur 51 Prozent. 71 Prozent sehen insgesamt eine negative Entwicklung der Demokratie in Deutschland. Reicht es wirklich aus, die „Idee“ der Demokratie zu befürworten, wenn man gleichzeitig deren Alternativen akzeptiert?
Kaiser (SPD) erklärte, die grundsätzliche Unterstützung der Demokratie sei „eine gute Nachricht“. Aber - und das betonte sie ausdrücklich - der sinkende Zufriedenheitswert sei „besorgniserregend“. Die Politikerin sieht einen Zusammenhang mit dem Gefühl sozialer Ungerechtigkeit.
Diese Befunde decken sich mit der aktuellen „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (2024/25), die unter dem Titel „Die angespannte Mitte“ erschien. Während 79 Prozent sich als „überzeugte Demokraten“ bezeichnen, steht ein Fünftel der Befragten in einer Grauzone - sie lehnen rechtsextreme Aussagen weder klar ab noch stimmen sie offen zu.
Was bedeutet das für Minderheiten?
Die Zahlen, die arabische und muslimische Gemeinschaften direkt betreffen, sind alarmierend. 34 Prozent der Befragten sind der Ansicht, „im nationalen Interesse“ könne man „nicht allen die gleichen Rechte gewähren“. Ein Viertel (25 Prozent) findet, es werde „zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen“. 11 Prozent lehnen den Schutz der Grundrechte von Minderheiten ausdrücklich ab.
Die FES-Studie ergab ferner, dass 36 Prozent Geflüchteten Sozialmissbrauch unterstellen (weitere 36 Prozent antworten „teils/teils“). Und 7,5 Prozent billigen körperliche Gewalt gegen „Fremde“. Das sind keine Randerscheinungen - es handelt sich um Millionen von Menschen in einem Land, in dem rund 5,5 Millionen Muslime leben.
Ost-West-Kluft bleibt bestehen
Beide Studien bestätigen: Die Kluft zwischen Ost und West bleibt deutlich sichtbar (auch wenn sie sich in einigen Bereichen verringert). Fremdenfeindlichkeit und Rassismus liegen im Osten höher - dort, wo die Bevölkerung deutlich weniger divers ist. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in ostdeutschen Ländern bei unter 9 Prozent liegt, verglichen mit über 30 Prozent in westdeutschen Ländern wie Nordrhein-Westfalen.
Für arabische Familien (besonders jene in Sachsen oder Thüringen) übersetzen sich diese Zahlen in alltägliche Erfahrungen. 26 Prozent der Befragten in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands sehen vor allem „die Risiken“ gesellschaftlicher Veränderung.
Lichtblicke - und Grenzen
Die FES-Studie warnte: Ambivalente und uneindeutige Haltungen gegenüber menschenfeindlichen Positionen nehmen in der Mitte der Gesellschaft zu. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Klassismus hängen eng zusammen. Ein Viertel der Befragten zeigt sich bereit, die Gleichwertigkeit von Menschen zumindest teilweise infrage zu stellen.
Und dennoch gibt es Hoffnung. 70 Prozent empfinden den zunehmenden Rechtsextremismus als Bedrohung. 51 Prozent sind bereit, sich persönlich für die Demokratie einzusetzen. Und 61 Prozent halten Bildung für ein wirksames Mittel gegen Extremismus.
Für Samir (Name geändert), einen syrischen Ingenieur in Berlin-Neukölln seit 2016, sind es nicht bloß Zahlen. „Ich lese solche Studien und denke an meine Kinder, die hier geboren sind“, erzählt er. „Werden sie immer als Fremde gesehen? Demokratie bedeutet nichts, wenn sich nicht alle - auch wir - darin sicher fühlen.“
Wie DW berichtete, versuchten die Forscher nicht nur direkte Fragen zu Demokratie und Diktatur zu stellen, sondern auch indirekt die „Grauzone“ auszuleuchten. Genau diese Grauzone sollte Minderheiten mehr beunruhigen als alles andere - denn wer heute dort steht, kann morgen abrutschen.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
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