Samer Tawk: Vom Intensivbett zu Olympia
14 Meter tief stürzte er 2019 beim Training, brach sich beide Arme und Beine. Die Ärzte waren nicht sicher, ob er je wieder laufen würde. Doch der libanesische Skilangläufer Samer Tawk kehrte nach 7 Jahren zurück und trug die Flagge seines Landes bei der Eröffnung der Winterspiele in Mailand-Cortina 2026.
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Am 6. Februar 2026 betrat Samer Tawk das San-Siro-Stadion in Mailand mit der libanesischen Flagge in einer Hand, die noch immer Spuren alter Brüche trägt. Seine Schritte waren fest. Aber sein linkes Bein verliert bei Kälte das Gefühl. Niemand im Stadion wusste das.
Sieben Jahre zuvor lag der junge Libanese (geboren im September 1998) auf der Intensivstation — mit Brüchen in beiden Armen und beiden Beinen nach einem 14-Meter-Sturz beim Training. Heute vertritt er den Libanon bei den Winterspielen in Mailand-Cortina 2026 im 10-Kilometer-Skilanglauf.
Eine seltene arabische Geschichte im Wintersport. Und eine, die keiner Verschönerung bedarf.
Der Sturz
Am 26. April 2019 trainierte Samer wie gewohnt, als der Unfall geschah. Ein Sturz aus 14 Metern Höhe. Das Ergebnis: Mehrfachbrüche in beiden Armen und beiden Beinen. Die Ärzte waren sich nicht sicher, ob er jemals wieder normal würde gehen können — geschweige denn Leistungssport betreiben.
Wie die Deutsche Welle berichtete, erwog Tawk anfangs die Teilnahme an den Paralympischen Spielen statt an den Olympischen. Das schien realistischer. Aber Samer akzeptierte diese Grenze nicht.
Es folgte ein langer, schmerzhafter Rehabilitationsprozess. Sieben Jahre Arbeit an einem Körper, der sich nach dem Unfall vollständig verändert hatte. Sein linkes Bein (das bei Kälte teilweise die Empfindung verliert) sowie seine Hand und sein Ellbogen, die nie wieder volle Beweglichkeit erlangten — all das wurde Teil seines Alltags als Athlet.
PyeongChang 2018
Um das Ausmaß dessen zu verstehen, was Samer verlor und zurückgewann, muss man ins Jahr 2018 zurückblicken. Er war gerade 19 Jahre alt, als er bei den Winterspielen in PyeongChang (Südkorea) im 15-Kilometer-Skilanglauf antrat. Ein 19-jähriger libanesischer Skilangläufer bei Olympia. Kann man sich das vorstellen?
Eine Medaille holte er natürlich nicht — der Libanon ist nicht Norwegen. Doch allein seine Teilnahme war eine Leistung. In einem Land, das die meisten mit dem Mittelmeer verbinden, nicht mit Schnee.
Die Rückkehr nach 7 Jahren
Laut olympischen Quellen qualifizierte sich der Libanon für einen Startplatz im Männer-Skilanglauf nach Abschluss der ersten Weltcup-Periode (28. November bis 14. Dezember 2025). Samer Tawk sicherte sich diesen Platz. Nicht durch Zufall — sondern durch sieben Jahre Training und Genesung.
Bei der Eröffnungszeremonie der Winterspiele in Mailand-Cortina wurde Tawk zusammen mit der Alpinskifahrerin Andrea al-Hayek als Fahnenträger des Libanon ausgewählt. Der Ort? Das legendäre San-Siro-Stadion in Mailand — weit entfernt von den Intensivbetten, in denen er Jahre zuvor gelegen hatte.
Er trat diesmal im 10-Kilometer-Einzelrennen an (statt wie in PyeongChang über 15 Kilometer). Unabhängig von seiner Platzierung: Allein sein Stehen an der Startlinie war ein Sieg.
Libanon und Schnee: Eine unerwartete Verbindung
Viele in der arabischen Welt (und auch in Deutschland) sind überrascht, wenn sie von libanesischen Skifahrern hören. Doch der Libanon verfügt über 6 Skigebiete im Libanon-Gebirge, darunter das berühmte Cedars Resort auf über 2.000 Metern Höhe. Das Internationale Olympische Komitee bestätigte, dass der Libanon seit 1948 an Winterspielen teilnimmt — also seit mehr als 75 Jahren.
Für die arabische Gemeinschaft in Deutschland — besonders die libanesische in Berlin-Neukölln und Kreuzberg (wo laut verschiedenen Schätzungen mehr als 100.000 Menschen libanesischer Herkunft in Deutschland leben) — trägt Samers Geschichte eine zusätzliche Bedeutung. Sie handelt nicht nur vom Sport, sondern vom Durchhalten unter scheinbar unmöglichen Bedingungen. Ein Gefühl, das viele in der Diaspora kennen.
Nach dem Schnee
Samer Tawk ist heute 27 Jahre alt. Sein Körper ist nicht mehr derselbe wie vor 2019 — und wird es vielleicht nie wieder sein. Aber er stand im San-Siro-Stadion und trug die Flagge seines Landes mit einer Hand, die gebrochen, geheilt und zurückgekehrt war. Wird er nach Mailand-Cortina weitermachen? Das weiß noch niemand. Doch was er geleistet hat, reicht für Jahre des Stolzes.
Die Deutsche Welle beschrieb in ihrem Bericht, Tawk sei \"bereit, sein Land zu vertreten\" nach einer \"langen Genesung voller Schmerz, Entschlossenheit und Herausforderung\". Drei Worte für sieben Jahre.
In einer Wintersportwelt, die von skandinavischen und mitteleuropäischen Nationen dominiert wird, ist das bloße Erscheinen eines arabischen Athleten an der Startlinie bereits ein Statement. Und Samer Tawk — mit seinen einst gebrochenen Armen und seinem kälteunempfindlichen Bein — hat dieses Statement in einen Aufschrei verwandelt.
Quellen / المصادر
- Deutsche Welle — Samer Tawk: Von der Intensivstation zum olympischen Traum (Februar 2026)
- Wikipedia — Samer Tawk (Biografie und Wettkampfergebnisse)
- Wikipedia — Libanon bei den Olympischen Winterspielen 2026 (Qualifikation und Ergebnisse)
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