Alt werden in der Fremde: Arabische Senioren
Abu Khalid kam in den 1970ern als Gastarbeiter nach Deutschland. Heute lebt er mit 80 Jahren in einem Berliner Pflegeheim, wo niemand seine Sprache spricht und das Essen ihm fremd ist. Seine Geschichte steht für eine stille Krise, die tausende arabische Familien betrifft.
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صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: Sammy-Sander/Pixabay · Pixabay License
In seinem Zimmer im Pflegeheim in Charlottenburg sitzt Abu Khalid vor dem stummen Fernseher. Auf seinem kleinen Tisch steht ein Schwarz-Weiß-Foto aus dem Volkswagen-Werk in Wolfsburg, wo er dreißig Jahre lang arbeitete. Die deutsche Pflegerin kommt herein, lächelt, fragt ihn etwas. Er versteht sie kaum noch. Die Demenz frisst seine Zweitsprache zuerst.
Abu Khalid (Name geändert) gehört zu einer Generation, die in den 1960er- und 1970er-Jahren als Gastarbeiter aus dem Libanon, Marokko, Tunesien und Ägypten nach Deutschland kam. Junge Männer, die von einer baldigen Rückkehr träumten. Aber aus Jahren wurden Jahrzehnte. Heute sind sie 70, 80 Jahre alt — und stehen einem Pflegesystem gegenüber, das nicht für sie gebaut wurde.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2023 rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig — ein Anstieg von 730.000 gegenüber 2021. Etwa ein Fünftel lebt in Pflegeheimen. Aber wie viele davon arabischstämmig sind? Das weiß niemand genau, denn die deutsche Pflegestatistik erfasst keinen kulturellen Hintergrund.
Genau das ist Teil des Problems.
Essen ohne Geschmack, Sprache ohne Echo
Huda, Abu Khalids Tochter (sie lebt in Berlin-Neukölln), beschrieb, wie sich ihr Vater seit dem Umzug ins Pflegeheim vor zwei Jahren verändert hat. „Er liebte es zu reden und Witze zu erzählen. Jetzt spricht er kaum noch“, erklärte sie mit feuchten Augen. Das deutsche Essen — Salzkartoffeln und Dosenfleisch — hat nichts mit dem zu tun, was er sein Leben lang kannte. Und die Pflegerinnen (trotz aller Freundlichkeit) verstehen nicht, wenn er nach Minztee fragt oder die Gebetsrichtung sucht.
Die Caritas betonte, dass kultursensible Pflege in Deutschland noch in den Anfängen steckt. Die Organisation wies in ihren Berichten darauf hin, dass weniger als 3 Prozent der Berliner Pflegeeinrichtungen Dienste in anderen Sprachen als Deutsch anbieten — ganz zu schweigen von der Berücksichtigung religiöser oder kultureller Essgewohnheiten.
Zwischen Pflicht und Alltag
In der arabischen Kultur gilt es als Schande, die Eltern in ein Pflegeheim zu geben. Aber ist die Alternative immer realistisch? Huda arbeitet Vollzeit als Krankenschwester und zieht drei Kinder groß. Ihr Mann arbeitet bis Mitternacht im Restaurant. Ihre Mutter starb vor fünf Jahren. Wer soll Abu Khalid den ganzen Tag betreuen?
Forscher an der Charité wiesen darauf hin, dass Familien mit Migrationsgeschichte professionelle Hilfe oft erst spät in Anspruch nehmen — wegen der sozialen Stigmatisierung. Wenn sie sich schließlich an das offizielle System wenden, ist die Erschöpfung bereits massiv.
Das Bundesgesundheitsministerium hob hervor, dass vier von fünf Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt werden. Die Zahl klingt beruhigend. Sie verbirgt jedoch, dass viele Migrantenfamilien ihre Angehörigen ohne jede professionelle Unterstützung pflegen — ohne ambulante Dienste, ohne Beratung in ihrer Sprache.
Langsame Zeichen des Wandels
Berichte der Deutschen Welle zeigten, dass erste Initiativen entstehen. In Berlin haben einige Vereine ehrenamtliche Besuchsdienste für arabische Senioren in Pflegeheimen gestartet. Und die türkische Gemeinschaft — die der arabischen um Jahrzehnte voraus ist — hat in mehreren Städten eigene Pflegeeinrichtungen gegründet. Ein Modell, dem die arabische Community folgen könnte.
Der Weg ist lang. Abu Khalid braucht nicht nur Medikamente und ein sauberes Bett. Er braucht jemanden, der ihn bei seinem richtigen Namen nennt, ihm Mulukhiyya kocht und ihm den Koran vorliest, wenn er einschläft. Er braucht das Gefühl, noch ein Zuhause zu haben — auch wenn dieses Zuhause weit entfernt liegt von dem Dorf, in dem alles begann.
Vor dem Abschied sagte Huda leise: „Mein Vater hat dieses Land mit seinen Händen aufgebaut. Dreißig Jahre in der Fabrik. Und jetzt findet er niemanden, der sein letztes Wort versteht.“
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
المصادر / Quellen
- Statistisches Bundesamt - Pflegestatistik: 5,7 Millionen Pflegebedürftige (2023)
- Bundesgesundheitsministerium - Zahlen und Fakten zur Pflegeversicherung
- Caritas - Beratung für Menschen mit Migrationshintergrund
- DW Arabic - Berichterstattung über die arabische Gemeinschaft in Deutschland
- Destatis - Migration und Integration: Bevölkerung mit Migrationshintergrund
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