Arabische Therapeuten in Berlin
Ein wachsendes Netzwerk arabischsprachiger Therapeuten in Berlin bietet kultursensible psychische Versorgung an und bricht das Stigma rund um Therapie in arabischen Gemeinschaften. Gerade im Ramadan verstärken sich Einsamkeit und Heimweh, was diese Arbeit dringender denn je macht.
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.

صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: wal_172619/Pixabay · Pixabay License
In einer kleinen Praxis unweit der Sonnenallee in Neukölln sitzt Nora ihrer neuen Patientin gegenüber. Die syrische Frau Anfang vierzig war noch nie bei einer Therapeutin. "Meine Mutter hat mir gesagt: Bete mehr, das reicht," erzählt die Patientin leise. Nora lächelt. Diesen Satz hat sie schon hunderte Male gehört.
Nora (Name geändert) ist eine syrisch-deutsche Psychotherapeutin, die seit sechs Jahren in Berlin praktiziert. Sie studierte Psychologie in Damaskus und spezialisierte sich anschließend in Deutschland. Und sie ist Teil eines wachsenden Netzwerks arabischsprachiger Therapeuten, die das Verhältnis der arabischen Community zur psychischen Gesundheit verändern wollen — keine leichte Aufgabe.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß des Problems. Nach Angaben der Psychotherapeutenkammer Berlin warten Patienten in der Stadt zwischen drei und sechs Monaten auf einen Therapieplatz auf Deutsch. Auf Arabisch? Die Wartezeit kann sich auf ein ganzes Jahr erstrecken. Von den rund 5.400 zugelassenen Psychotherapeuten in Berlin sprechen nur einige Dutzend Arabisch.
Das Stigma wiegt schwerer als die Krankheit
"Das Problem ist nicht nur der Mangel an Therapeuten," erklärte Nora. "Das größere Problem ist, dass viele Menschen (besonders Männer) einen Therapeutenbesuch als Eingeständnis von Schwäche betrachten." In vielen arabischen Familien bleiben psychische Probleme ein Familiengeheimnis. Man spricht nicht darüber. Man erkennt sie nicht an.
Aber der Bedarf ist dringend. Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wies darauf hin, dass etwa 40 Prozent der Geflüchteten in Deutschland unter psychischen Störungen leiden — von Depression über Angststörungen bis hin zur Posttraumatischen Belastungsstörung. Die arabische Community bildet da keine Ausnahme.
Ahmed, ein irakischer Mann Anfang dreißig aus Wedding, berichtete von seiner Erfahrung mit Psychotherapie: "Als ich zum ersten Mal bei einem deutschen Therapeuten war, versuchte ich zu erklären, warum ich mich schuldig fühle, weil ich meine Familie zurückgelassen habe. Er hat es nicht verstanden. Er sagte: Aber Sie haben sich für ein besseres Leben entschieden." Diese kulturelle Kluft — das fehlende Verständnis für kollektive Schuldgefühle und familiäre Verantwortung — trieb Ahmed dazu, einen arabischsprachigen Therapeuten zu suchen.
Ramadan und die Einsamkeit
Das Timing ist kein Zufall. Während des Ramadan — der gerade stattfindet — verstärken sich Sehnsucht und Isolation bei vielen Arabern in Berlin. Das Fastenbrechen allein statt am großen Familientisch. Der Gebetsruf, den man auf den Straßen nicht hört. "Der Ramadan ist psychisch der schwierigste Monat für meine Patienten," betonte Nora. "Die Erinnerungen kommen mit voller Wucht zurück, und die Einsamkeit wird unerträglich schwer."
Genau hier kommt das kulturelle Verständnis ins Spiel. Ein Therapeut, der nicht weiß, dass Ramadan nicht nur Nahrungsverzicht bedeutet — sondern eine tiefe soziale und spirituelle Erfahrung — kann einem arabischen Patienten mit Ramadan-Depression kaum helfen. Reicht therapeutisches Fachwissen allein wirklich aus, wenn der kulturelle Kontext fehlt?
Ein neues Netzwerk entsteht
Trotz der Herausforderungen formiert sich ein Unterstützungsnetzwerk. Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit hat 2024 ein Programm zur Förderung mehrsprachiger psychischer Gesundheitsdienste gestartet. Und Einrichtungen wie die Psychosoziale Beratungsstellen bieten Sitzungen auf Arabisch an. Aber die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem.
Der Wandel komme langsam, fügte Nora hinzu — aber er komme. "Vor fünf Jahren kamen die meisten meiner Patienten erst nach einer akuten Krise. Jetzt sehe ich junge Menschen in den Zwanzigern, die Hilfe suchen, bevor die Dinge eskalieren." Die neue Generation (besonders diejenigen, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind) steht der Idee einer Psychotherapie deutlich offener gegenüber.
Laut dem Statistischen Bundesamt leben in Deutschland mehr als zwei Millionen Menschen mit arabischen Wurzeln. In Berlin allein gehören Arabischsprachige zu den größten nicht-deutschsprachigen Gruppen. Das bedeutet: Der Bedarf an psychischer Versorgung auf Arabisch wird weiter wachsen.
"Ich behandle nicht nur einzelne Menschen," sagte Nora am Ende unseres Gesprächs. "Ich versuche, eine Kultur zu verändern. Unserem Community zu sagen: Hilfe zu suchen ist keine Schwäche. Es ist Mut." Dann fügte sie lächelnd hinzu: "Und meine Mutter? Sie empfiehlt inzwischen ihren Nachbarinnen, einen Therapeuten aufzusuchen."
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
المصادر / Quellen
- Psychotherapeutenkammer Berlin - Therapeutensuche und Wartezeiten
- BZgA - Gesundheitsinformationen für Geflüchtete
- Senatsverwaltung für Gesundheit Berlin - Psychische Gesundheit
- Destatis - Migration und Integration
5 Minuten jeden Morgen
Die wichtigsten Deutschland-Nachrichten für Sie
Wort des Tages, Nachrichten und Tipps — täglich in Ihrem Postfach
Treten Sie unserem Telegram-Kanal bei
Erhalten Sie sofortige Updates und Eilmeldungen direkt auf Ihr Telefon
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.



