"Kurdische Zöpfe": Solidarität geht viral
Von Schweden bis Deutschland, von Kanada bis zur Türkei – Frauen verschiedener Nationalitäten flechten ihre Haare in einer beispiellosen Solidaritätswelle mit kurdischen Frauen. Was steckt hinter diesem viralen Trend? Und warum wählten Frauen diese Form des Protests?
فريق برليننا
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صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: Christopher Gower/Unsplash
Leyla, 28, sitzt vor dem Spiegel in ihrer kleinen Wohnung im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Ihre Finger bewegen sich geschickt, während sie ihre langen schwarzen Haare flechtet. Zwei Zöpfe fallen auf ihre Schultern. Dann macht sie ein Foto und postet es auf Instagram mit dem Hashtag #KurdishBraids.
"Ich hatte diese Reaktion nicht erwartet", sagt Leyla, eine Deutsche mit kurdisch-syrischen Wurzeln. "An einem Tag über tausend Kommentare. Frauen aus Japan, Brasilien, Norwegen – alle flechten ihre Haare aus Solidarität mit uns."
Aber was hat diesen Funken entzündet?
Wie alles begann
Anfang Januar 2026 verbreiteten sich Berichte über Übergriffe gegen kurdische Frauen in Gebieten Nordsyriens. Die Details waren erschreckend: Frauen wurden gezwungen, ihre Haare abzuschneiden, andere wurden willkürlich verhaftet. Laut Human Rights Watch sind diese Praktiken Teil eines größeren Musters systematischer Gewalt.
Die Antwort kam unerwartet. Eine kurdische Aktivistin in Schweden postete ein Video, in dem sie ihre Haare auf traditionelle kurdische Weise flocht – zwei lange Zöpfe, manchmal mit bunten Bändern verziert. "Unsere Haare sind nicht zum Zwangsschneiden da", schrieb sie. "Unsere Haare sind ein Symbol unserer Identität."
Innerhalb von 48 Stunden verbreitete sich das Video in mehr als 30 Ländern.
Mehr als nur eine Frisur
In der kurdischen Kultur sind Zöpfe mehr als nur eine Frisur. Sie sind ein Symbol für Identität und Widerstand. Historisch versuchten verschiedene Regime – von den Osmanen bis zu den Regimen des 20. Jahrhunderts – die kurdische Identität auszulöschen, einschließlich des Verbots traditioneller Kleidung und Frisuren.
"Meine Großmutter sagte immer: Dein Zopf ist deine Unterschrift", erzählt Nadia, eine kurdische Aktivistin, die seit 2015 in Berlin lebt. "Als sie ein Kind in der Türkei war, durfte sie in der Schule kein Kurdisch sprechen. Aber sie ging jeden Tag mit ihren Zöpfen hin. Es war ihre stille Art zu sagen: Ich bin da."
Solidarität in Deutschland
In Deutschland, wo die größte kurdische Gemeinde Europas lebt (geschätzt etwa eine Million Menschen laut deutschen Migrationsstatistiken), war die Resonanz groß. Deutsche, arabische, türkische und iranische Frauen – alle machten mit.
Sarah, eine deutsche Studentin an der Humboldt-Universität Berlin, postete ihr Foto mit Zöpfen, obwohl sie keine Kurdin ist. "Ich sah, was passierte, und fühlte, dass ich etwas tun musste", erklärte sie. "Die Zöpfe sind einfach, aber die Botschaft ist stark. Wir sehen euch. Wir sind bei euch."
Sogar einige Männer beteiligten sich – indem sie Fotos ihrer Schwestern, Mütter oder Ehefrauen mit Zöpfen posteten oder bunte Bänder trugen, die den kurdischen Zöpfen nachempfunden waren.
Gemischte Reaktionen
Nicht alle begrüßten die Kampagne. Einige Kritiker betrachteten sie als "oberflächlichen Aktivismus" – was würde ein Instagram-Foto am echten Leid vor Ort ändern?
Kurdische Aktivistinnen sehen das anders. "Jahrelang haben wir geschrien und niemand hörte zu", sagt Leyla. "Jetzt, plötzlich, achtet die Welt darauf. Vielleicht werden Zöpfe die Politik nicht ändern – aber sie durchbrechen die Isolation. Und das ist nicht wenig."
Der Trend löste auch Diskussionen über "kulturelle Aneignung" aus – ist es angemessen, dass Nicht-Kurdinnen diese Zöpfe tragen? Die Antwort der meisten kurdischen Aktivistinnen war klar: Solidarität ist willkommen. "Wir besitzen keine Zöpfe", schrieb eine kurdische Aktivistin auf Twitter. "Wir teilen unsere Kultur mit denen, die an unserer Seite stehen."
Über Social Media hinaus
Die Kampagne ging über das Internet hinaus. In Berlin organisierten Frauengruppen "Zopf-Workshops", in denen Frauen voneinander traditionelle kurdische Frisuren lernen. In Hamburg organisierten Studierende einen Solidaritätstag an der Universität. Und in Frankfurt hängten kurdische Friseursalons Schilder auf, die kostenloses Zopfflechten anboten.
"Das macht diese Kampagne anders", bemerkte die Social-Media-Forscherin Dr. Anna Schmidt von der Freien Universität Berlin (in einer öffentlichen Stellungnahme). "Es ist nicht nur ein Hashtag, der nach einer Woche verschwindet. Es gibt echte Aktionen vor Ort, persönliche Begegnungen und Brücken zwischen Gemeinschaften."
Nadia, die kurdische Aktivistin, schließt mit den Worten: "Meine Großmutter hätte sich nie vorstellen können, dass ihre Zöpfe eines Tages ein globales Symbol werden würden. Aber ich denke, sie hätte gelächelt." Nach einer Pause fügt sie hinzu: "Haare wachsen nach. Widerstand auch."
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- DW - Bericht über den Trend der kurdischen Zöpfe
- Human Rights Watch - Berichte über Syrien
- Destatis - Migrations- und Integrationsstatistiken
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