Kultur
Mehr als Schawarma und Shisha: Das neue Gesicht arabischer Kultur in Berlin
Symbolbild

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Mehr als Schawarma und Shisha: Das neue Gesicht arabischer Kultur in Berlin

In einer Neukölln-Gasse wurde eine alte Buchhandlung zur Bühne für zeitgenössische arabische Poesie. In Kreuzberg zeigt eine Galerie Werke syrischer und palästinensischer Künstler. Berlin 2025 erlebt einen arabischen Kulturaufschwung - jenseits der Klischees.

Redaktioneller BelegAusstehend2 offizielle LinksAktualisiert 30. Dezember 2025Methodik

Berlinuna Redaktion

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Dienstagabend, 7. Januar 2025. Ein kleiner Keller in der Sonnenallee. Die Stühle sind voll - 47 Menschen kamen, um Poesie zu hören. Poesie auf Arabisch.

"Ich bin Sumaya. Ich werde ein Gedicht über meine Mutter vorlesen, die sich nicht mehr an mich erinnert."

Stille. Dann füllt die Stimme von Sumaya An-Najjar, palästinensischer Dichterin aus Gaza, den Raum. Die Hälfte des Publikums sind Araber, die andere Hälfte Deutsche, die gekommen sind, um eine Sprache zu verstehen, die sie nicht sprechen - aber fühlen.

Poetry-Lesung in intimem Kulturraum
Poetry Reading Berlin

Dies ist kein Einzelfall. In Berlin 2025 definiert sich die arabische Kulturszene neu - und definiert die Stadt mit.

Vom Rand ins Zentrum: Zahlen der Transformation

Laut Daten der Berliner Senatsverwaltung für Kultur stieg die Zahl kultureller Veranstaltungen in arabischer Sprache in der Stadt zwischen 2020 und 2024 um 143%. Allein 2024 fanden 312 arabische Kulturveranstaltungen statt - von Theateraufführungen bis zu Kunstausstellungen und Musikfestivals.

Aber Zahlen erzählen nicht die wahre Geschichte. Die echte Transformation liegt in der Qualität - und wer die Bewegung anführt.

"Beit Al-Hakawati": Wo Erinnerung auf Zukunft trifft

In einem alten Gebäude in der Richardstraße in Neukölln befindet sich "Beit Al-Hakawati" (Haus des Geschichtenerzählers) - ein Kulturzentrum, das im September 2024 eröffnet wurde. Die Gründerin, Rana Al-Ahmad aus Aleppo, erklärt die Idee: "Wir wollten einen Ort, der arabische Kultur nicht nur durch die Vergangenheit definiert - sondern auch durch Gegenwart und Zukunft."

Das monatliche Programm umfasst:

  • Traditionelle Geschichtenerzählungen für Kinder (jeden Samstag, 15 Uhr)
  • Zeitgenössische Poesie-Lesungen (jeden ersten Donnerstag im Monat)
  • Kalligrafie-Workshops mit professionellen Künstlern
  • Literarische Diskussionen über zeitgenössische arabische Bücher (alle zwei Wochen)

Das Wichtigste? Alle Veranstaltungen sind zweisprachig - Arabisch/Deutsch. "Wir wollen, dass die zweite und dritte Generation von Arabern sich zugehörig fühlt, ohne die Deutschen zu vergessen, die ihre Nachbarn verstehen wollen," fügt Rana hinzu.

Arabische Bibliothek mit Büchern und traditionellem Dekor
Arabic Cultural Space

Beit Al-Hakawati erhielt Förderung vom Berliner Programm zur Förderung kultureller Vielfalt in Höhe von 68.000 Euro für 2025 - ein Zeichen offizieller Anerkennung des arabischen Kulturbeitrags.

"Zawiya": Das Café, das mehr als ein Café ist

An der Ecke Sonnenallee/Weserstraße liegt "Zawiya" (Ecke) - ein Café/Buchhandlung/Kultursalon, der im November 2024 eröffnet wurde. Der Besitzer, Omar Al-Husseini aus Bagdad, beschreibt es: "Kein arabisches Café nur für Araber. Es ist ein Raum für Dialog."

Die Einrichtung erzählt die Geschichte: Bücherregale mit arabischen, deutschen und englischen Büchern, Gemälde zeitgenössischer Künstler aus dem Irak, Syrien und Palästina, und ein großer Tisch in der Mitte für offene Diskussionen.

Jeden Mittwoch veranstaltet "Zawiya" einen "Sprachabend" - wo Araber Deutschen Arabisch beibringen und Deutsche Arabern Deutsch. Kostenlos.

"In der ersten Woche kamen 9 Leute. Jetzt? Wir brauchen Voranmeldung - 35-40 Personen jede Woche," sagt Omar mit einem Lächeln.

Kunst als Brücke: Ausstellung "Zwischen zwei Städten"

Im Januar 2025 eröffnete die Ausstellung "Zwischen zwei Städten" im Kunstraum Kreuzberg - einer staatlichen Galerie am Bethanien. Die Ausstellung zeigt 23 arabische Künstler, die in Berlin leben, mit Werken, die ihre Herkunftsstädte und Berlin verbinden.

Layla Al-Qasem, syrische Malerin aus Damaskus, stellte ein Gemälde mit dem Titel "Wedding Station, 6 Uhr morgens" aus - es zeigt die deutsche U-Bahn-Station in Farben und Formen, inspiriert vom Hamidiye-Basar.

"Die Arbeit handelt nicht von Nostalgie. Sie handelt von zusammengesetzter Identität - du bist weder von hier noch von dort, sondern von beiden," erklärt Layla.

Kunstgalerie mit zeitgenössischen Gemälden
Art Gallery Exhibition

Die Ausstellung zog in ihrer ersten Woche über 1.200 Besucher an - dreimal mehr als erwartet. Laut Katharina Müller, Direktorin des Kunstraum, "beweist dies den Hunger, multikulturelle Erfahrungen zu verstehen - nicht als 'Andere', sondern als Teil des Stadtgefüges."

Musik: Jenseits von Oud und Tabla

Im Club "Bi-Nuu" in Friedrichshain erlebte der Samstagabend des 18. Januar ein Konzert von "Kollektiv Sham" - einer Band, die syrische und deutsche Musiker vereint, die eine Mischung aus Jazz und zeitgenössischer arabischer Musik spielen.

Basel Hammoud, syrischer Saxophonist und Gründer des Kollektivs, beschreibt die Musik: "Wir nehmen Maqam Hijaz, fügen Jazz-Rhythmen hinzu, verwenden elektronische Instrumente. Das Ergebnis? Etwas, das niemand zuvor gehört hat - und das nur hier, in Berlin, existieren kann."

Das Konzert verkaufte 300 Tickets in 4 Tagen. Das nächste ist für den 15. Februar geplant - bereits ausverkauft.

Die Herausforderung: Finanzierung und Nachhaltigkeit

Aber nicht alles ist rosig. Die meisten arabischen Kulturräume sind auf begrenzte staatliche Förderung oder Einzelspenden angewiesen.

Rana von "Beit Al-Hakawati" ist offen: "Die Förderung reicht für ein Jahr. Danach? Wir wissen es nicht. Wir brauchen ein nachhaltiges Modell - vielleicht Mitgliedschaften, vielleicht Partnerschaften mit größeren Kulturinstitutionen."

Laut einer Studie des Deutschen Kulturfonds vom Dezember 2024 bestehen nur 23% der kulturellen Migranteninitiativen länger als 3 Jahre - der Hauptgrund ist Finanzierung.

Die zweite Generation: Zwischen zwei Sprachen und Kulturen

Yasmin Al-Halabi, 19 Jahre alt, in Berlin geboren von syrischen Eltern. Sie besucht regelmäßig Veranstaltungen im "Beit Al-Hakawati".

"In der Schule bin ich 'die Deutsche mit Migrationshintergrund'. Zu Hause sagt meine Mutter 'Warum sprichst du nicht fließend Arabisch?'. Hier? Niemand verlangt von mir, etwas zu beweisen. Ich bin einfach ich - arabisch und deutsch zugleich."

Das ist vielleicht die wahre Errungenschaft dieser neuen Kulturräume: Orte zu schaffen, die nicht verlangen, dass du dich entscheidest - sondern dich feiern, wie du bist.

Veranstaltungsguide: Wohin gehen?

Beit Al-Hakawati (Neukölln)

Adresse: Richardstraße 73, 12043 Berlin

Veranstaltungen: Kindergeschichten (Samstag 15 Uhr), Zeitgenössische Poesie (erster Donnerstag monatlich 19 Uhr)

Eintritt: Frei (Spenden willkommen)

Café Zawiya (Neukölln)

Adresse: Sonnenallee 47, 12045 Berlin

Veranstaltungen: Sprachaustausch-Abend (Mittwoch 18-20 Uhr)

Reservierung: Erforderlich via Facebook oder Instagram

Ausstellung "Zwischen zwei Städten" (Kreuzberg)

Adresse: Kunstraum Kreuzberg, Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

Laufzeit: Bis 28. Februar 2025

Öffnungszeiten: Donnerstag-Sonntag, 12-19 Uhr

Eintritt: Frei

Quellen

  1. Senatsverwaltung für Kultur Berlin - Kulturförderungsprogramme
  2. Kunstraum Kreuzberg - Ausstellung 'Zwischen zwei Städten'
  3. Deutscher Kulturfonds - Studie zur Nachhaltigkeit von Migrantenkultirinitiativen
  4. Berlin Kultur - Statistiken zu mehrsprachigen Kulturveranstaltungen

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30. Dezember 2025
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