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Kultur

"Meine deutsche Nachbarin lernt Arabisch von meinem Sohn" - Unerwartete Geschichten des Kulturaustauschs in Berlin

In einem gewöhnlichen Wohnhaus in Schöneberg lernt eine 67-jährige Deutsche Arabisch von einem 8-jährigen syrischen Jungen. In Wedding liest ein deutscher Buchclub übersetzte arabische Romane. Und in Kreuzberg trifft sich jeden Sonntag eine gemischte Kochgruppe zum Rezeptaustausch. Das sind keine offiziellen Integrationsprogramme - es sind spontane menschliche Momente, die Zusammenleben neu definieren.

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فريق برليننا

Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.

•3. Januar 2026•6 Min. Lesezeit•57 Aufrufe
"Meine deutsche Nachbarin lernt Arabisch von meinem Sohn" - Unerwartete Geschichten des Kulturaustauschs in Berlin

Photo by Jason Leung on Unsplash

Fadi klopfte an die Tür von Wohnung 3B in einem Haus in Schöneberg. In seiner Hand ein Teller Kanafeh, von seiner Mutter Sarah mit Alufolie abgedeckt. "Für die Nachbarin Frau Schmidt," sagte seine Mutter. "Sag ihr: Vielen Dank for helping with the Anmeldung."

Frau Schmidt öffnete, 67 Jahre alt, ehemalige Verwaltungsangestellte aus Tempelhof. Sie sah den Teller. Sie lächelte. Dann sagte sie etwas, das Sarah nie erwartet hätte:

"شكراً جزيلاً يا جارتي. الكنافة لذيذة جداً." (Vielen Dank, meine Nachbarin. Kanafeh ist sehr lecker.)

Auf Arabisch. Mit starkem deutschem Akzent, aber auf Arabisch.

Wie lernte Frau Schmidt Arabisch?

"Von deinem Sohn," sagte Frau Schmidt lachend.

Es stellte sich heraus, dass Fadi (8 Jahre) jeden Tag im Innenhof mit anderen Kindern spielte. Frau Schmidt saß auf der Bank und beobachtete sie - eine alte Gewohnheit aus ihren Tagen als Grundschulleiterin. Fadi begann ihr arabische Wörter beizubringen: Baum, Ball, Katze, Danke.

"Anfangs machte er es, um mich zum Lachen zu bringen," sagt Frau Schmidt. "Aber ich entdeckte, dass mir der Klang gefiel. Also bat ich ihn, mir das Alphabet aufzuschreiben. Jetzt übe ich jeden Morgen 20 Minuten."

Nachbarn verschiedener Kulturen im Gespräch in einem Wohnhaus
Photo by Priscilla Du Preez on Unsplash

Sarah konnte es nicht glauben. "Ich lebe seit 5 Jahren in Deutschland und habe nach intensiven Kursen gerade B1 erreicht. Und sie ist Rentnerin und lernt Arabisch zum Spaß?"

Frau Schmidt erklärte: "Ich habe mehr Freizeit als du, Liebes. Und Fadi ist ein sehr geduldiger Lehrer. Besser als Duolingo."

Diese Geschichte ist keine Ausnahme. In Berlins gemischten Vierteln geschieht kultureller Austausch auf Arten, die in Integrationskursen nicht gelehrt werden.

Der Buchclub, der Arabisch liest... auf Deutsch

In einem kleinen Café an der Müllerstraße in Wedding treffen sich jeden ersten Dienstag im Monat 12 Menschen. Alle Deutsche. Alle lesen arabische Literatur.

Matthias Becker, 54, pensionierter Architekt, gründete 2019 den Club "Arabische Literatur auf Deutsch". Die Idee begann, als er Ghassan Kanafanis "Männer in der Sonne" in deutscher Übersetzung las.

"Es war ein Schock," sagt Matthias. "Ich wusste nicht, dass es so viel Tiefe in zeitgenössischer arabischer Literatur gibt. Wir in Deutschland reden viel über Flüchtlinge und Politik, aber wir lesen ihre echten Geschichten nicht."

Der Club ist jetzt bei Buch Nummer 23. Sie haben Naguib Mahfouz, Ahlam Mosteghanemi, Hanan al-Shaykh, Khaled Hosseini (Afghane, aber auf übersetztem Englisch) gelesen und lesen derzeit "Fragments of Aleppo" von Khaled Khalifa.

"Die große Überraschung?" sagt Matthias. "Wir haben jetzt 3 syrische Mitglieder im Club. Sie kamen, weil sie wissen wollten, wie Deutsche ihre Literatur lesen. Einer - Nabil - erklärt uns den kulturellen Kontext, den wir in der Übersetzung verpassen."

Gruppe von Menschen liest und diskutiert in einem Café
Photo by Priscilla Du Preez on Unsplash

Nabil, 41, war Literaturprofessor in Damaskus. Er kam 2016 nach Berlin. Jetzt arbeitet er bei einem IT-Unternehmen, aber er hat seine erste Leidenschaft nicht vergessen.

"Als ich hörte, dass eine deutsche Gruppe Ghassan Kanafani liest, dachte ich, es sei ein Fehler," sagt Nabil. "Ich ging aus Neugierde hin. Ich blieb, weil sie tiefe Fragen stellten - Fragen, über die ich nicht einmal nachgedacht hatte, als ich den Roman unterrichtete."

Jetzt verwandeln sich nach jeder Lesesitzung die Diskussionen in breitere Gespräche: über Syrien vor dem Krieg, über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, über Sehnsucht und Verlust und Neuanfang.

"Das ist echte Integration," sagt Matthias. "Nicht einseitig. Wir lernen von ihnen, und sie sehen ihre Kultur aus einer neuen Perspektive."

"Sonntagsküche": Die gemischte Sonntagsküche

In einer geräumigen Wohnung in Kreuzberg treffen sich jeden Sonntag um 15 Uhr 8-12 Menschen zum gemeinsamen Kochen. Die einzige Regel: Jeder bringt ein Rezept aus seinem Land mit und lehrt es den anderen.

Die Gruppe begann zufällig. Lisa, 38, deutsche Vegetarierin, suchte nach nahöstlichen vegetarischen Rezepten. Sie postete eine Anzeige auf nebenan.de (einer Nachbarschaftsplattform): 'Suche jemanden, der mir beibringt, Mujaddara und Musbaha zu kochen.'

Layla, eine 29-jährige Palästinenserin und Hobbyköchin, antwortete. "Komm zu mir. Ich bringe dir Musbaha bei, und du bringst mir bei, wie man Spätzle macht."

Aus einem Treffen wurde eine wöchentliche Tradition. Jetzt umfasst die Gruppe: Layla (Palästinenserin), Lisa (Deutsche), Kemal (Türke), Jana (Tschechin), Omar (Iraker), Anna (Deutsche aus Dresden), und manchmal neue Gäste.

Letzten Sonntag kochten sie 4 Gerichte:

  1. Palästinensischer Fattoush (Layla lehrte)
  2. Deutsche Kartoffelpuffer (Anna lehrte)
  3. Irakische Dolma (Omar lehrte)
  4. Tschechische Knödel (Jana lehrte)

"Kochen ist eine universelle Sprache," sagt Layla. "Man braucht kein C1 Deutsch, um zu verstehen, dass verbrannter Knoblauch das Gericht ruiniert. Und wenn man zusammen kocht, redet man über alles - Familie, Kindheit, Heimweh."

Diverse Gruppe von Menschen kocht zusammen in einer Küche
Photo by Kelsey Chance on Unsplash

Omar, 45, Ingenieur aus Bagdad, der jetzt bei Siemens arbeitet, sagt: "Im Integrationskurs lernten wir Sätze wie 'Wo ist der Bahnhof?' Aber hier lernte ich zu erklären, warum irakische Dolma anders ist als türkische. Das sind echte Gespräche."

Anna, aus Dresden, fügt hinzu: "Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen. Ich wusste nichts über arabische Kultur, bis ich nach Berlin kam. Jetzt kenne ich den Unterschied zwischen Fattoush und Tabouleh und kann nach jeder Mahlzeit 'Yislamo ideiki' sagen."

Warum funktionieren diese Begegnungen?

Ich sprach mit fünf Menschen aus verschiedenen Geschichten. Das gemeinsame Muster:

1. Keine Verpflichtung, kein Druck

Im Gegensatz zu offiziellen Integrationskursen (wo die Teilnahme für den Aufenthaltstitel obligatorisch ist) sind diese Treffen freiwillig. Menschen kommen, weil sie wollen, nicht weil die Ausländerbehörde es verlangt.

2. Austausch, nicht einseitiges Lehren

Frau Schmidt lernt Arabisch, und Fadi lernt Deutsch. Matthias liest Ghassan Kanafani, und Nabil versteht deutsche Literatur. Lisa kocht Musbaha, und Layla kocht Spätzle. Niemand ist permanent "Lehrer" oder "Schüler".

3. Persönliche Beziehungen, keine Regierungsprogramme

Dies sind keine Workshops vom BAMF. Es sind echte Freundschaften, die aus gemeinsamen Interessen entstanden sind - Essen, Literatur, Kinder, Neugier.

Die dunkle Seite: Nicht alle Viertel sind gleich

Wir müssen ehrlich sein. Diese Geschichten passieren in Schöneberg, Wedding, Kreuzberg - Vierteln, die für Vielfalt und Offenheit bekannt sind.

In anderen Vierteln - besonders am Stadtrand von Berlin oder in homogeneren Gegenden - ist kultureller Austausch viel schwieriger.

Ich fragte Nabil (Buchclub-Mitglied) danach. "In Vierteln mit wenigen Migranten ist die Situation anders. Es gibt Neugier, aber auch Angst. Und manchmal offene Feindseligkeit."

Omar stimmt zu: "Wenn ich Freunde in Brandenburg (Bundesland um Berlin) besuche, spüre ich die Blicke. Nicht ganz Deutschland ist wie Kreuzberg."

Aber alle sind sich einig: Die Lösung ist nicht, diese Gebiete zu meiden - sondern mehr dieser kleinen menschlichen Momente zu schaffen.

"Jede Beziehung beginnt mit einem Schritt," sagt Layla. "Frau Schmidt lernte Arabisch nicht durch ein Regierungsprogramm. Sie lernte es, weil ein netter Junge namens Fadi ihr ein Wort beibrachte, dann noch eins, dann noch eins."

Wie finden Sie Ihre Gruppe?

Wenn Sie an dieser Art von informellem Kulturaustausch interessiert sind, hier einige Tipps:

  1. Checken Sie nebenan.de: Plattform, die Nachbarn im selben Viertel verbindet. Sie können eine Anzeige erstellen oder bestehenden Gruppen beitreten.
  2. Suchen Sie nach Meetup-Gruppen: Die Website Meetup.com hat Gruppen wie 'Berlin Language Exchange' und 'Cooking Together Berlin'.
  3. Besuchen Sie lokale Bibliotheken: Wie die Zentral- und Landesbibliothek Berlin - sie veranstalten oft mehrsprachige Buchclubs.
  4. Starten Sie selbst: Warten Sie nicht auf ein offizielles Programm. Hängen Sie einen kleinen Zettel in Ihrem Gebäude oder im lokalen Café auf: 'Suche Sprachaustausch-Partner - Arabisch/Deutsch'.

Die Idee: Echter Kulturaustausch passiert nicht in Volkshochschul-Sälen. Er passiert in Küchen, in Innenhöfen, in kleinen Cafés und in den einfachen Momenten, in denen wir etwas von uns selbst teilen.

Was geschah mit Fadi und Frau Schmidt?

Nach 18 Monaten liest Frau Schmidt jetzt einfache arabische Kindergeschichten. Fadi hilft ihr, schwierige Wörter zu übersetzen - auf Deutsch.

"Sie liest jetzt besser als ich," lacht Fadi.

Frau Schmidt plant nächstes Jahr eine Reise in den Libanon - ihre erste Reise in den Nahen Osten. "Ich möchte Kaffee auf Arabisch bestellen," sagt sie stolz.

Sarah, Fadis Mutter, sagt: "Ich machte mir Sorgen, dass mein Sohn sich nicht in Deutschland integrieren würde. Es stellte sich heraus, dass mein Sohn Deutsche in unsere Kultur integrierte."

Vielleicht ist das die wahre Bedeutung von Integration: Keine Einbahnstraße, sondern eine Brücke, die von beiden Seiten gebaut wird.

Quellen

  1. nebenan.de - Nachbarschaftsplattform
  2. Meetup - Community-Gruppen in Berlin
  3. Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  4. BAMF - Integrationskurse Informationen

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