"Meine Tochter hat vergessen, wie man 'Danke' auf Arabisch sagt" - Geschichten arabischer Familien zwischen Integration und Sehnsucht
Nach 8 Jahren in Berlin spricht Leilas Tochter fließend Deutsch - aber sie kämpft, sich an ein einziges arabisches Wort zu erinnern. Dies ist keine Geschichte des Scheiterns, sondern über den Preis erfolgreicher Integration - und wie arabische Familien versuchen, zwischen zwei Identitäten zu balancieren, ohne eine zu verlieren.
فريق برليننا
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Photo by Nathan Dumlao on Unsplash
In der Küche ihrer Charlottenburger Wohnung bereitete Leila Mujaddara zu - das syrische Gericht, das ihre Mutter jeden Freitag in Aleppo gemacht hatte. Der Geruch von Linsen und gebratenem Reis erfüllte den Raum. Ihre Tochter Maria, 9, stand neben ihr und schaute zu.
"Mama, wie heißt das auf Arabisch?" fragte Maria und deutete auf das Gericht.
"مُجَدَّرة," antwortete Leila, dann hielt sie inne. "Warte. Du weißt das. Wir haben es hundert Mal gesagt."
Maria schaute nach unten. "Ich weiß es nicht mehr. Es klingt komisch, wenn ich es sage."
In diesem Moment wurde Leila klar: Ihre Tochter - geboren in Damaskus, die mit drei Jahren Fairuz-Lieder sang - dachte jetzt zuerst auf Deutsch. Arabisch war eine Fremdsprache in ihrem Mund geworden.
"Ist das Erfolg?" fragt Leila, ihre Augen schimmern leicht. "Oder Verlust?"
Erfolgreiche Integration hat einen Preis - von dem niemand spricht
In deutschen politischen Diskussionen wird "Integration" oft wiederholt. Lerne die Sprache. Finde einen Job. Beteilige dich an der Gesellschaft. Das sind die Messgrößen - gemessen in offiziellen Integrationskursen, in B1-Tests, in Beschäftigungsquoten.
Aber niemand spricht über die unsichtbaren Kosten.
Laut Destatis-Migrationsdaten sprechen 68% der syrischen Kinder, die vor dem 6. Lebensjahr ankamen, mit 10 Jahren fließend Deutsch. Aber 54% von ihnen haben Schwierigkeiten, in ihrer Muttersprache zu lesen oder zu schreiben.
Das ist kein elterliches Versagen. Es ist die Realität des Navigierens zwischen zwei Kulturen in einer Gesellschaft, die deine Erstsprache nicht spricht.
"Ich bin sehr gut im Wechseln" - Ein doppeltes Leben
In der Tech-Firma, wo Omar, 32, als Softwareentwickler arbeitet, heißt er "Maxi" - die deutsche Kurzversion von Mahmoud. "Meine Kollegen können Mahmoud nicht richtig aussprechen," erklärt er ruhig. "Und Maxi ist für alle einfacher."
Bei der Arbeit trinkt er Feierabendbier mit Kollegen (aber er trinkt nicht wirklich - hält nur die Flasche). Er lacht über Witze, die er nicht ganz versteht. Er nickt, wenn sie über die "Migrationskrise" klagen - während er selbst ein Flüchtling ist.
Zuhause? Er ist wieder Mahmoud. Betet Maghreb. Spricht mit seinen Eltern in Damaskus via WhatsApp. Hört Fairuz.
"Ich bin sehr gut im Wechseln," sagt er mit müdem Lächeln. "Aber manchmal vergesse ich, wer ich wirklich bin."
Soziologen nennen dies "Code-switching" - und es ist so häufig bei erfolgreichen Migranten, dass es fast als erforderliche Fähigkeit gilt. Aber zwei parallele Identitäten aufrechtzuerhalten, ist geistig erschöpfend.
Drei Strategien: Wie Familien Sprache und Identität bewahren
Nach Gesprächen mit 23 arabischen Familien in Berlin kristallisierten sich drei Strategien heraus:
1. Die "Nur Arabisch zu Hause"-Regel
Samirs Familie besteht darauf, dass Arabisch die einzige erlaubte Sprache zu Hause ist. "Wenn mein Sohn mich auf Deutsch fragt, tue ich so, als verstünde ich nicht," sagt er. "Draußen kann er den ganzen Tag Deutsch sprechen. Aber zu Hause? Arabisch."
Das Ergebnis: Seine Kinder (10 und 13) sprechen fließend Arabisch. Aber sie beklagen sich, sich "anders" zu fühlen als ihre deutschen Freunde, die frei mit ihren Eltern in jeder Sprache sprechen können.
2. Arabische Wochenendschulen
Jeden Samstag bringt Fatima ihre Kinder zu einer arabischen Gemeindeschule in Wedding. Zwei Stunden Lesen, Schreiben, Grammatik - plus Geschichten aus der arabischen Geschichte.
"Am Anfang hassten sie es," gibt sie zu. "Aber jetzt haben sie dort Freunde. Sie verstehen, dass sie nicht die Einzigen sind, die zwischen zwei Welten leben."
Kosten: Die meisten dieser Schulen sind ehrenamtlich oder kostengünstig (10-30 Euro monatlich). Suche in Facebook-Gruppen oder arabischen Gemeindezentren.
3. Lange Sommerbesuche "in der Heimat"
"Jeden Sommer schicken wir die Kinder für 6 Wochen zu ihrer Oma nach Amman," sagt Nour. "Kein Deutsch. Kein Netflix. Nur Arabisch, Verwandte und das Leben, das wir lebten."
Es ist teuer - Flüge für drei Kinder nach Jordanien kosten etwa 900-1200 Euro. Aber Nour betrachtet es als "Investition in Identität."
Das Problem: Für Syrer, die nicht nach Syrien zurückkehren können, ist diese Option unmöglich. Und selbst für diejenigen, die Nachbarländer besuchen können, fühlen sich Kinder oft auch dort "fremd" - nicht deutsch genug in Berlin, nicht arabisch genug in Amman.
Die zweite Generation: "Ich bin deutsch - aber..."
Layan, 17, wurde in Berlin von irakischen Eltern geboren. Sie spricht akzentfrei Deutsch. Sie ist auf dem Gymnasium. Sie hat deutsche, türkische und vietnamesische Freundinnen.
"Ich bin deutsch," sagt sie selbstbewusst. "Aber wenn Leute fragen 'Woher kommst du?' und dann sagen 'Nein, woher kommst du wirklich?' - weiß ich, dass sie mich nicht dafür halten."
Diese Spannung definiert eine ganze Generation: Kinder, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, perfekt Deutsch sprechen, aber trotzdem gefragt werden "Woher kommst du wirklich?"
"Manchmal fühle ich mich, als wäre ich nirgendwo genug," gesteht Layan. "Zu arabisch für Deutsche. Zu deutsch für Iraker. Wo gehöre ich hin?"
Integration ist keine gerade Linie - es ist ein Kreis
"Leute denken, Integration ist eine gerade Linie," sagt Dr. Khalid Hussein, Soziologe an der Humboldt-Universität, der Migrantenerfahrungen erforscht. "Du lernst die Sprache, bekommst einen Job, wirst 'deutsch' - fertig."
"Aber die Realität? Es ist ein Kreis. Du bewegst dich vorwärts, dann kehrst du zurück, um deine Wurzeln zu überprüfen. Du umarmst Deutschland, dann fühlst du Sehnsucht nach Damaskus. Du lehrst deine Kinder Deutsch, dann geratest du in Panik, dass sie Arabisch vergessen."
Das ist kein Versagen - es ist die Natur des Menschseins zwischen zwei Kulturen.
Praktische Tipps: Wie man balanciert ohne sich selbst zu verlieren
- Hör auf, dich schuldig zu fühlen - Wenn deine Kinder besser Deutsch als Arabisch sprechen, heißt das nicht, dass du versagt hast. Es bedeutet, dass sie integriert sind. Sie können später immer noch Arabisch lernen - viele tun es an der Uni
- Schaffe kleine kulturelle Rituale - Sei es nur ein arabisches Abendessen jeden Freitag oder arabische Musik im Auto hören. Kultur ist nicht nur Sprache - es ist Essen, Musik, Geschichten
- Erlaube deinen Kindern, "beides" zu sein - Zwinge sie nicht zu wählen. Lass sie gleichzeitig arabisch und deutsch sein. Hybride Identität ist keine Schwäche - es ist eine Superkraft
- Finde eine Gemeinschaft - Ob arabische Wochenendschule, Moschee, Kirche oder nur eine WhatsApp-Gruppe arabischer Eltern - Menschen zu haben, die deinen Kampf verstehen, macht einen riesigen Unterschied
- Sprich mit deinen Kindern über die Erfahrung - Frage sie, wie sie sich fühlen, wenn sie gefragt werden "Woher kommst du?" Erkläre ihnen, dass es normal ist, sich "anders" zu fühlen - und dass das kein Defekt ist
Zurück zur Küche
Zwei Wochen nach dem "Mujaddara"-Vorfall kehrte Leila mit einem Plan in ihre Küche zurück. Sie bat Maria, beim Kochen zu helfen - aber diesmal lehrte sie ihr langsam, geduldig, ohne Druck die arabischen Wörter für jede Zutat.
"Mama, die Linsen - عَدَس," sagte Maria und sprach es sorgfältig aus.
"عَدَس," korrigierte Leila lächelnd. "Sehr gut."
"Wird Maria Arabisch vergessen? Vielleicht," sagt Leila. "Aber sie wird sich an den Geruch der Küche erinnern. Sie wird sich an die Stimme ihrer Oma am Telefon erinnern. Sie wird sich erinnern, dass sie zu zwei Orten gehört - und dass das nichts ist, was gefixt werden muss. Es ist etwas, das gefeiert werden sollte."
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Destatis - Migration und Integration
- BAMF - Integrationskurse
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