Sudanesen in Berlin: Neuanfang im Krieg
Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Sudan im April 2023 hat sich die Zahl sudanesischer Geflüchteter in Deutschland deutlich erhöht. In Berlin bauen sie eine neue Gemeinschaft auf, abseits der Schlagzeilen. Ihre Geschichten verdienen Aufmerksamkeit.
فريق برليننا
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صورة توضيحية / Symbolbild. Photo: wal_172619/Pixabay · Pixabay License
An einem kalten Februarabend versammelten sich rund dreißig Menschen in einem kleinen Saal in Berlin-Wedding. Auf den Tischen standen Teller mit Kisra und Mulah, in der Ecke lief ein Bildschirm mit Nachrichten aus Khartum. Niemand sprach über Integrationskurse. Alle redeten über Häuser, die sie zurückgelassen hatten, und Familien, die noch immer eingeschlossen sind.
Solche Treffen finden etwa alle zwei Wochen statt. Sudanesen in Berlin teilen Essen, Nachrichten und Sorgen. Aber sie teilen auch etwas anderes — das Gefühl, unsichtbar zu sein. In einem Land, das viel über syrische und ukrainische Geflüchtete spricht, aber selten über sie.
Die Zahlen erzählen einen Teil der Geschichte. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellten 2024 mehr als 7.400 Sudanesen Asylanträge in Deutschland — ein Anstieg von über 45 Prozent im Vergleich zu 2022, also vor Ausbruch des Krieges. Und doch bleibt diese Zahl gering im Vergleich zu den Hunderttausenden Syrern und Ukrainern, die in den vergangenen Jahren kamen.
Eine vergessene Krise
Der sudanesische Bürgerkrieg, der im April 2023 zwischen der Armee und den Rapid Support Forces ausbrach, hat (laut Vereinten Nationen) die größte Vertreibungskrise der Welt ausgelöst. Mehr als 11 Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben, rund drei Millionen flohen ins Ausland. Die Mehrheit sind Frauen und Kinder.
Aber haben die meisten Deutschen davon gehört? Wahrscheinlich nicht. Die Sudan-Krise bekommt nicht annähernd die mediale Aufmerksamkeit, die Syrien oder die Ukraine erhielten. Und diese Unsichtbarkeit wirkt sich direkt auf den Alltag der Sudanesen in Deutschland aus — wenig Informationen in ihrer Sprache, schwache Gemeinschaftsstrukturen im Vergleich zu größeren Diasporagruppen.
Langes Warten, offene Fragen
Mariam, eine Sudanesin Anfang dreißig, kam im Sommer 2024 mit ihren zwei Töchtern nach Berlin. Sie wartete neun Monate auf ihren Anhörungstermin beim BAMF. Neun Monate. In dieser Zeit lebte sie in einer Gemeinschaftsunterkunft in Lichtenberg, wo sie sich ein Zimmer mit einer anderen Familie teilte.
Die größte Hürde? Die Sprache. Sudanesen (besonders jene aus Regionen außerhalb Khartums) sprechen oft kein fließendes Englisch, und ihr Arabisch unterscheidet sich von den levantinischen Dialekten, die die meisten Dolmetscher in deutschen Asylbehörden beherrschen. Das schafft eine echte Kommunikationslücke — eine, die das Ergebnis des Asylverfahrens beeinflussen kann.
Ein Sprecher des Berliner Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) erklärte, dass die Bearbeitung sudanesischer Asylanträge zusätzliche Schwierigkeiten mit sich bringe, da persönliche Dokumente aus einem Land, dessen staatliche Institutionen zusammengebrochen sind, nur schwer überprüfbar seien. Er wies darauf hin, dass die Schutzquote für sudanesische Antragsteller 2024 bei über 70 Prozent lag — eine der höchsten unter allen Herkunftsländern.
Gemeinschaft von Grund auf
Anders als die syrische Gemeinschaft, die seit 2015 über etablierte Netzwerke in Berlin verfügt, starten die Sudanesen praktisch bei null. Keine bekannten sudanesischen Restaurants in Neukölln, keine großen Vereine mit echten Budgets. Was es gibt, sind kleine Initiativen, die auf Ehrenamt und persönlichen Beziehungen basieren.
Khaled, ein sudanesischer Arzt, der 2023 nach Berlin kam und derzeit an der Anerkennung seines Abschlusses arbeitet, betonte, dass die sudanesische Gemeinschaft in Berlin schnell wachse. „Wir helfen uns gegenseitig bei der Übersetzung behördlicher Briefe, beim Ausfüllen von Formularen und sogar beim Verständnis des Krankenversicherungssystems. Wir warten auf niemanden.“
Er berichtete, dass WhatsApp-Gruppen mit Hunderten Sudanesen in Berlin und Brandenburg zu einer Art inoffizieller Beratungsstelle geworden seien. Einer fragt, wie man sich für einen Integrationskurs anmeldet, zehn antworten. Ein anderer sucht einen arabischsprachigen Arzt — binnen Minuten kommen Empfehlungen.
Frauen an vorderster Front
Berichte von DW Arabisch zeigen, dass sudanesische Frauen die Hauptlast dieser Krise tragen — im Sudan und im Ausland. Zahra Haidar, Leiterin der Frauenorganisation „Waai“, erklärte, dass geflüchtete Sudanesinnen „enorme Herausforderungen“ bewältigen müssen, die je nach individueller Situation völlig unterschiedlich seien. In Deutschland sieht es nicht anders aus.
Sara (Name geändert), Mutter von drei Kindern in einer Unterkunft in Spandau, räumte ein, dass nicht die deutsche Bürokratie das Schwierigste sei — obwohl sie schwer genug ist — sondern die Einsamkeit. „In Khartum kannte ich zwanzig Nachbarinnen beim Namen. Hier kenne ich niemanden im Haus.“ Aber sie fügte hinzu, dass sie Deutsch auf A2-Niveau lerne und ihre älteste Tochter (12 Jahre alt) ihr manchmal in der Schule übersetze. Und umgekehrt.
Zurück zum Anfang
An jenem kalten Abend in Wedding, nachdem die Teller leer waren und das Gespräch etwas ruhiger wurde, griff ein Mann zu seinem Handy und zeigte ein Foto seines Hauses in Omdurman. Die Wände durchlöchert von Kugeln. Er lächelte schmerzlich und sagte: „Das war unser Haus.“ Dann fügte er leise hinzu: „Und jetzt ist Berlin unser Zuhause.“
Er sagte es nicht als Parole. Er sagte es wie eine Wahrheit, an die er selbst noch zu glauben versucht.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- BAMF - Monatliche Asylzahlen und Statistiken
- DW Arabisch - Sudanesische Flüchtlingsfrauen: Ungebrochener Wille
- Berliner Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten - Informationen für Geflüchtete
- Mediendienst Integration - Flüchtlinge in Deutschland
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