"Unser System unterstützt keine arabischen Buchstaben" - Wie Deutschlands digitale Rückständigkeit Migranten das Leben schwer macht
Während Estland E-Residency anbietet, verlangt die deutsche Ausländerbehörde Faxgeräte. Ein Sonderbericht darüber, wie Deutschlands digitale Verzögerung zum täglichen Hindernis für Einwanderer wurde - von "nicht unterstützten" Namen bis hin zu unbuchbaren Terminen
فريق برليننا
Berlinuna Redaktionsteam - Wir bringen Ihnen die neuesten Nachrichten und wichtige Informationen für die arabische Gemeinschaft in Deutschland.
Photo by Mika Baumeister on Unsplash
Mohamed saß zum siebten Mal diese Woche vor seinem Computerbildschirm und versuchte, einen Termin bei der Berliner Ausländerbehörde zu buchen. 7:58 Uhr. Um Punkt acht Uhr drückte er auf "Aktualisieren". Die vertraute Nachricht erschien: "Keine Termine verfügbar."
Doch das war nicht sein einziges Problem. Als er schließlich versuchte, den Namen seiner Frau "Muna" in ein anderes Formular einzugeben, erschien eine Fehlermeldung: "Ungültige Zeichen". Das System akzeptiert den Buchstaben "ى" nicht.
Willkommen im digitalen Deutschland - wo Technologie von 1995 immer noch das Leben von Millionen Einwanderern im Jahr 2026 verwaltet.
Digitales Europa... außer Deutschland
In einem Bericht, den Deutsche Welle im Dezember 2025 veröffentlichte, rangiert Deutschland auf Platz 13 von 27 EU-Ländern im Index für digitale Verwaltung. Estland - ein Land mit nur 1,3 Millionen Einwohnern - führt die Liste an. Dort können Sie in 15 Minuten online ein Unternehmen gründen. In Deutschland? Das kann drei Monate und einen persönlichen Besuch beim Registergericht dauern.
Aber Migranten zahlen den höchsten Preis für diese Verzögerung. Sarah, eine syrische Anwältin, deren Abschluss 2024 anerkannt wurde, erzählt: "Ich schickte meinen Antrag auf Arbeitserlaubnis per E-Mail. Die Behörde antwortete nach zwei Wochen: 'Wir benötigen das Original per Fax oder Post.' Fax! Im Jahr 2026!"
Arabische Namen: Technisches Problem oder unbeabsichtigte Diskriminierung?
Eines der frustrierendsten Probleme ist, dass Regierungssysteme keine nicht-lateinischen Schriftzeichen unterstützen. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamts leben Stand 2025 14,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Viele von ihnen tragen Namen mit arabischen, kyrillischen oder chinesischen Buchstaben.
Aber das deutsche Digitalsystem? Erkennt ihre Existenz nicht an.
Ahmad, ein palästinensischer Programmierer, der für ein Berliner Tech-Unternehmen arbeitet, erklärt: "Das Problem ist technisch einfach - die meisten alten Regierungsdatenbanken verwenden ASCII-Kodierung statt UTF-8. Das bedeutet, sie unterstützen nur grundlegende englische Buchstaben und Zahlen. Die Behebung würde einen durchschnittlich qualifizierten Programmierer eine Woche kosten."
Eine Woche. Aber das Problem besteht seit mindestens zehn Jahren.
Das Ergebnis? Verstümmelte Namen in offiziellen Dokumenten. Mohamed wird zu "Mohammed" oder "Mohammad" oder "Muhammed", je nachdem, welcher Sachbearbeiter die Daten eingegeben hat. Dies schafft später Probleme beim Abgleich von Dokumenten - Ihr Pass sagt "محمد", aber Ihre Aufenthaltserlaubnis sagt "Mohammed" und Ihr Arbeitsvertrag sagt "Mohamad".
Der Terminkampf: Alle verlieren
"Termin" - ein deutsches Wort, das "Verabredung" bedeutet, aber für Einwanderer in Deutschland zum täglichen Albtraum geworden ist.
Laut Daten des Landesamts für Einwanderung Berlin werden neue Termine jeden Morgen um genau 8:00 Uhr freigeschaltet. Das Problem? Das System bewältigt etwa 500 Anfragen pro Sekunde, bevor es zusammenbricht. Die tatsächliche Nachfrage? Über 12.000 Menschen versuchen es zur gleichen Zeit.
Khalid, ein ägyptischer Doktorand, entwickelte eine Strategie: "Ich wache um 7:45 Uhr auf. Öffne vier verschiedene Browser-Fenster. Drücke alle zwei Sekunden F5 ab 7:59 Uhr. Einmal hatte ich Erfolg - nach 23 Tagen Versuchen."
23 Tage. Das ist keine Übertreibung - das ist die Realität.
Und wenn die Online-Buchungssysteme komplett versagen? Die Behörden kehren zur "guten alten" Methode zurück - physische Warteschlangen. Im Januar 2025 musste das Einwanderungsamt Friedrichshain-Kreuzberg sein Online-System für eine Woche komplett abschalten. Die Alternative? Ab 5 Uhr morgens in der Schlange stehen, um eine Nummer zu bekommen.
Warum diese Verzögerung? Die wahren Gründe
Deutschland ist weder arm noch fehlt es an technischen Experten. Was ist also das Problem?
- Komplexe föderale Bürokratie - Jedes Bundesland hat seine eigenen Systeme. Berlin verwendet ein anderes System als Bayern, das sich von Nordrhein-Westfalen unterscheidet. Es gibt keinen einheitlichen Standard.
- Strenge Datenschutzgesetze - Deutschland nimmt Datenschutz sehr ernst (was gut ist), aber dies verlangsamt die Entwicklung neuer Systeme. Jedes Update benötigt mehrere rechtliche Genehmigungen.
- "Wenn es nicht kaputt ist, repariere es nicht"-Kultur - Alte Systeme "funktionieren" technisch (auch wenn sie langsam und ineffizient sind), daher gibt es keine Dringlichkeit, sie zu aktualisieren.
- Mangel an Programmierern im öffentlichen Sektor - Warum sollte ein qualifizierter Programmierer für die Regierung für 55.000 Euro arbeiten, wenn er bei Google 90.000 Euro verdienen kann?
Ahmad fügt hinzu: "Ein privates Unternehmen könnte in zwei Monaten eine skalierbare Terminbuchungs-App bauen. Die Regierung braucht drei Jahre - und normalerweise scheitert das Projekt."
Wie man mit der deutschen digitalen Realität umgeht
Bis Deutschland digital aufholt, hier einige praktische Tricks:
- Für Namen: Bewahren Sie Kopien aller offiziellen Dokumente auf, die Unterschiede in der Schreibweise Ihres Namens zeigen. Fordern Sie immer "Namensvarianten" in offiziellen Dokumenten an.
- Für Termine: Verwenden Sie Auto-Refresh-Erweiterungen für Ihren Browser. Versuchen Sie es zu unkonventionellen Zeiten - manchmal werden stornierte Termine mitten am Tag freigegeben.
- Für Fax (!!): Nutzen Sie E-Fax-Dienste wie fax.de oder faxzero.com - Sie können Faxe von Ihrer E-Mail senden.
- Für Notfälle: Wenn Ihre Aufenthaltserlaubnis bald abläuft und Sie keinen Termin bekommen können, senden Sie ein Einschreiben an die Behörde - dies schützt Sie rechtlich.
Gibt es Hoffnung?
Im November 2025 kündigte die Bundesregierung eine "Digitalisierungsoffensive" mit einem Budget von 3,2 Milliarden Euro an, um Regierungssysteme bis 2028 zu modernisieren. Dies umfasst ein einheitliches Terminbuchungssystem, Datenbanken mit Unicode-Unterstützung (weltweite Schriftzeichen) und die schrittweise Abschaffung der Fax-Anforderungen.
Aber Mohamed, der immer noch versucht, seinen Termin zu buchen, ist nicht allzu optimistisch. "Das haben wir schon mal gehört", sagt er und drückt erneut F5. "Im Moment möchte ich nur meine Aufenthaltserlaubnis verlängern, ohne ein Faxgerät zu brauchen."
Im Jahr 2026 scheint das keine große Bitte zu sein.
Hinweis: Einige Namen und Details in diesem Artikel wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.
Quellen
- Deutsche Welle - Deutschlands digitale Rückständigkeit
- Statistisches Bundesamt - Migration und Integration
- Landesamt für Einwanderung Berlin - Terminvereinbarung
- Landesamt für Einwanderung Berlin - Befristete Aufenthaltserlaubnis
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